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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.
Illustration: Rodja Galli, a259

 

Die Coronakrise trifft die professionelle Kulturwirtschaft hart. Bund, Kantone und Gemeinden haben Massnahmen ergriffen oder angekündigt, um die Umsatzverluste zumindest so weit auszugleichen, dass nicht reihenweise Kulturbetriebe – Clubs, Musikgruppen oder Theatertruppen – Konkurs gehen und damit ein Teil der lebendigen Kulturszene unwiederbringlich wegbricht. Die Politik hat auch reagiert, weil die Verbände der Kulturwirtschaft in den letzten Jahrzehnten in Sachen Lobbyarbeit Fortschritte gemacht haben und sich für ihre Klientel einsetzen. Das ist auch in Ordnung so.

Unter dem Radar der medialen Öffentlichkeit könnte hingegen ein Grossteil der Kultur in ländlichen Gebieten einen stillen Tod sterben, weil ihre Strukturen informell und unorganisiert sind. Sie wird wesentlich alimentiert vom lokalen Gewerbe und sozialen Netzwerken, welche die Projekte der Musikvereine, Chöre und Theatergruppen als Mäzene oder Sponsoren unterstützen. Vereinsmitglieder gehen Klinkenputzen, werben bei Selbständigen um Inserate für Broschüren und erbeten von Haustür zu Haustür Gönnerbeiträge. So finanziert sich ein Grossteil der ländlichen Kultur.

Absehbar ist nun, dass die Wirtinnen, Coiffeure, Floristen und Taxifahrerinnen der Dörfer und Kleinstädte entweder vor dem Aus stehen oder sich nach der Quarantäne mit Ach und Krach wieder aufzurappeln versuchen. Zu hoffen ist natürlich Letzteres, denn Dörfer brauchen Stammtische zum Klatschen und Friseursalons, um sich zu verwöhnen, sie brauchen Blumenläden, Notare, Arztpraxen, Physiotherapeutinnen und Brockenstuben. Wenn diese sich im Jahr Null nach Corona wieder neu erfinden, werden sie für Geschenke an die Vereine kaum noch Spielraum haben. Es wird das langsame Sterben der Gesangsvereine, Blasmusiken, Akkordeonorchester und Theatergruppen beschleunigen.

Zu befürchten ist, dass dies unter dem Radar der Medienöffentlichkeit still und leise vor sich gehen wird, denn das Dorftheater und die Tombola der Jugendmusik sind schon jetzt kaum mehr seriöser Berichterstattung wert. Und ihre Lobbys sind weitaus weniger professionell als diejenigen der professionellen Kulturverbände.


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