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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und Co-Leiter von pakt bern – das neue musik netzwerk.

Kürzlich hatte ich ein Treffen mit dem Berner Journalisten Jürg Steiner. Er recherchiert zum Thema 30 Jahre Rot-Grün-Mitte (RGM). Der Zufall wollte es, dass ich gleichentags das Berner Historische Museum (BHM) aufsuchte und dabei die Ausstellung «Glanz und Untergang des Ancien Régime» besichtigte, übrigens unter der Führung einer Geflüchteten aus Tschetschenien. (Das Programm nennt sich «Multaka», was eine empfehlenswerte Sache ist.)

Anyway, ich betrachtete also diesen «Salon de Pourtalès», eine nachgestellte Salonszene dieser Epoche, und mich packte das Grauen. Weniger wegen der Veranschaulichung von aristokratischer Kultur und Macht, die einem hier vorgeführt werden soll, sondern wegen deren töteliger Repräsentation dessen. Im Keller des BHM gerät man unweigerlich in einen Tiefschlaf. Hier wird Geschichte artig konserviert. Die sprichwörtliche Berner Behäbigkeit – so dargestellt eine kultivierte Distinktion –, ist in diesem Salon tiefgefroren. Und das Schreckliche daran: das Behäbige ist nicht zu töten, es gehört zu unserer DNA, spätestens seit dem Ancien Régime.

Derart defätistisch waren meine Gedanken, als ich Steiner traf. 30 Jahre RGM kultiviert eine Behäbigkeit, eine Selbstgefälligkeit, auch eine Machtarroganz, ein Berner Bären-Ding.

Ich bin jetzt ungerecht und negiere die – kulturpolitischen – Errungenschaften von RGM, die es zu erwähnen gibt: Unterstützung der Reitschule, breit angelegter Dialog mit Kulturakteurinnen und -akteuren, mehr Geld für freie und zeitgenössische Kunst, etc. Wenn man mich aber dazu zwingen würde, anlässlich einer kulturpolitischen Bilanz zu Rot-Grün-Mitte, schwarz-weiss Stellung zu beziehen, müsste ich sagen: Es ist und bleibt behäbig. Grosse Veränderungen haben nicht stattgefunden, zumindest nicht bei den Leuchttürmen der Berner
 Kultur. Der Stachel im System ist und bleibt die Reitschule. Die Ironie der Geschichte?: «30 Jahre RGM» gäbe es ohne 30 Jahre Reitschule nicht!

 

 


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