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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und Präsident von pakt bern – das neue musik netzwerk.
Illustration: Rodja Galli, a259

Derweil in Bern das pompöse Kultur­casino mit ebensolchem Pomp eröffnet wurde, lag in Biel die Robert Walser-Sculpture in den letzten Zügen. Jeder Stadt das Ihrige. Im Casino will Berns Kultur elegant sein. Biel feierte auf dem Bahnhofplatz soziale Abgründe, Brüche, den Schmutz und Abfall. Ohne das Eine gegen das Andere ausspielen zu wollen, hat mir die Gleichzeitigkeit der Casino-Eröffnung und des letzten Walser-Wochenendes eines klar gemacht: Klebband, Styropor und Pavatex, die Materialien des Thomas Hirschhorn, sind mir näher als kunstvoll gekachelte Bartresen und goldene Lüster.

Die Walser-Skulptur, die am Sonntag nach 86 Tagen Nonstop-Betrieb zu Ende ging, habe ich anfangs besucht, und dann nochmals am Schlusswochenende. Die Metamorphose der zu Beginn noch wackligen Skulptur zu einem lebendigen Organismus hat mich sehr beeindruckt. Mit Superlativen sollte man zurückhaltend sein, aber dennoch: diese masslos wuchernde und begehbare Skulptur ist – zumindest für mich, Kunstgänger mit beschränktem Wissen – das grösste, lebendigste und sozialste Kunstwerk aller Zeiten. Diese Skulptur ist die soziale Plastik, von der Joseph Beuys sprach, die mich immer so interessiert hat, aber die ich nie ganz verstanden habe. Hier stand sie, auf dem Bieler Bahnhofplatz, die Ermächtigungsmaschine für Obdachlose, Immigrantinnen, Künstler, Historikerinnen, Penner, Kulturpolitiker, Kuratorinnen, Sponsoren, Säuferinnen, spielende Kinder und den schlendernden Beobachter.

Hat in Biel jemand Kunstvermittlung oder Partizipation proklamiert? Nein, sie haben es einfach gemacht. Thomas Hirschhorn, Kathleen Bühler und das ganze Kollektiv, die dieses Ding auf die Beine gestellt und unterhalten haben, sind allesamt zu kleinen und grossen Heldinnen und Helden geworden, die einem Schriftsteller, der mit seiner subtilen Bescheidenheit und charmanten Distanziertheit auch das Zeug zum Helden hat, ein spektakuläres Vermächtnis gesetzt haben. Und sie haben der Bieler Bevölkerung und den Gästen einen Erlebnispark für die Ewigkeit beschert – auch wenn die Robert Walser-Sculpture nun Geschichte ist.


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