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Pegelstand

von Manuel C. Widmer
© Rodja Galli, a259

Manuel C. Widmer

Manuel C. Widmer ist Primarlehrer, Stadtrat (GFL), als plattenleger mcw (Zweitklass-)DJ in diversen Berner Klubs und als YB-Fan auch an Fussballkultur interessiert. Er ist leidenschaftlicher Koch und Vorstand der BuCK-Nachtleben Bern.

Früher war eindeutig mehr Sommerloch. Da gab es neben dem Klassiker «gefrässiges Krokodil» auch noch durch rurale Wälder streifende Panther. Oder achillessehnenzerfleddernde Schnappschildkröten. Auch die freiheitsliebende Ausbrecher-Kuh Yvonne konnte die Zeitungsspalten füllen. Ebenso ein gigantischer, entenkükenliebender Wels oder ein Pelikan, der die Marzili­­-
Wiese in Beschlag nahm.

Umweltorganisationen haben ja schon lange vor der abnehmenden Biodiversität gewarnt. Jetzt hat das Problem offensichtlich auch das Sommerloch erreicht. Ein kläglicher Kaiman scheint 2019 das höchste der Gefühle zu sein. Kein Monster – eher eine Reminiszenz an den nervzehrenden Schnappi von 2001. Eine klägliche Kopie von Sammy, der uns den Sommer 1994 versüsste.

Fast dankbar war man ja da in Bern um das #Gipfeli-Gate im Rahmen des Gurtenfestivals. Auch wenn Gipfeli üblicherweise nicht im Reich der wilden Tiere verortet werden. Wenigstens den Amtsschimmel hörte man aber wiehern – und der geht ja auch fast als Fauna durch.

Der Mangel an dissidenten Tieren führt aber zu Sommerlochfüllmaterial, das den Vogel Strauss und die Lust auf den Kopf in Sand stecken in einem wecken kann – oder muss? Wie sehnt man sich nach Wildkatzen und Schuppenechsen, wenn man von der vereinigten Presse unisono mit Göläs Sonnenbrand auf der Jungfrau belästigt wird – selbst wenn sich seine Haut auf unnötig hochauflösenden Bildern abschält wie bei einer Riesenschlange. Da sind einem ja das Eindringen der neozoenen Tigermücke oder die Zeckeninvasion, die halbherzig für Ersatzstoff sorgen, noch fast sympathisch.

Vielleicht könnten Sie ja nächstes Jahr mit einer offenen Stall-, Käfig- oder Terrariumtüre oder einem Streifzug durch den nahen Wald, in der Dämmerung und ohne Brille, etwas mithelfen, dem Sommerloch die Würde und die Tiere zurückzugeben. Qualitätsjournalismus eben.


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