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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. OK Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie liebt die Aare (vor allem im Sommer) und gute Bücher (immer).

 

Überall in der Stadt sind die Fensterläden geschlossen. Schutz vor der Hitze. Hinter heruntergelassenen Rollos, ohne Klimaanlage oder Ventilator fällt mir das Schreiben zunehmend schwerer.

Als der neue Intendant und der neue Schauspieldirektor von Konzert Theater Bern (KTB) gewählt wurden, war es noch etwas kühler. Und der Frauenstreik gerade erst drei Tage her. Und doch wirkt die Wahl auf mich, als wäre vermieden worden, dass sich die Gemüter erhitzen.

Zur Wahl gab es wenig bis gar keine Reaktionen, weder von Seiten der Theaterschaffenden noch in den Medien. Florian Scholz, der neue Intendant, wurde jedoch ausführlich porträtiert. «Es ist Aufgabe einer jeden Kunststätte, sich für Empathie, Toleranz und Gerechtigkeit einzusetzen…», wurde er unter anderem zitiert. Er selber will nicht inszenieren und die Spartenleitenden ihre Bereiche unabhängig und eigenständig führen lassen. Dagegen gibt es nichts einzuwenden.

Mehr Courage hätte ich von der Findungskommission erwartet. In Bern wird das alte Rollenmodell weiter geführt: Der männliche Intendant, der alles richten soll, in hierarchisch vorgegebenen und veralteten Strukturen. Andere Theater in Schweizer Städten besetzen ihre Leitung mit Gruppen oder jungen Frauen.

Fakt ist: Von den vier Spartenleitenden am KTB ist gerade eine, die Tanzdirektorin, eine Frau.

Dass bei einem Intendantenwechsel auch das künstlerische Personal umbesetzt wird und neue Verträge ausgehandelt werden, ist Usus. Bleibt zu hoffen, dass hier progressivere Zeichen von der neuen Leitung gesetzt werden – nicht nur, indem Themen wie Gerechtigkeit und Empathie auf der Bühne verhandelt werden, sondern sich diese zum Beispiel auch in der Besetzung zeigen. Oder darin, dass Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die es dem künstlerischen Personal ermöglichen, Familie und Beruf ausgewogener unter einen Hut zu kriegen. Es wäre schön, wenn – un­abhängig von den Aussentemperaturen - nicht schon bald wieder ein kalter Wind durchs KTB weht.


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