mitgliederwerden grey iconMitglied werden

Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Ich habe den letzten «Pegelstand» zu Pop-Ups in der Stadt Bern gelesen und festgestellt, dass ich offenbar völlig aus der Zeit gefallen bin. Meinen Nachmittagskaffee konsumiere ich vorzugs­­weise in einem Restaurant des Grossverteilers, das eher den Charme einer Betriebskantine hat. Ich treffe dort immer etwa die gleichen genauso trendfernen Leute wie mich und tausche mit der Kassiererin immer wieder ein paar Worte aus. Ich weiss deshalb von ihr, dass sie mit einem Spanier verheiratet ist, hier etwas zum Familienbudget zuverdient hat und nun in Pension geht. Während sie mein Gipfeli eintippt, erzählt sie, dass sie ihren Abschied mit der ganzen Belegschaft gefeiert habe. Die Küchen­truppe habe Essen aufgetischt und alle hätten beschlossen, an dem Abend noch etwas zu erleben.

Die Schlange an der Kasse mit Kuchen- und Kaffeebons ist länger und länger geworden. Sie seien dann alle nach Kirchberg in den Schlagertempel gegangen, der heute Spycher heisst. Der Eintritt koste da fast nichts und man komme dort richtig in Bewegung – so musikantenstadelmässig, wenn die heutige Jugend noch wisse, was das bedeute. Neben mir in der Schlange wird zustimmend genickt. Soweit sie sich erinnere, hat die nun pensionierte Kassiererin erzählt, habe sie noch nie so abgetanzt. Ihre Augen sind feucht geworden und wir haben uns mit ihr gefreut.

Nun, wenn in der Stadt Pop-Up-Food und Pop-Up-Community das höchste der Gefühle sind, dann kann man sich fragen, ob wir mit unseren ach so angesagten Kulturangeboten nicht an den Bedürfnissen eines Grossteils unserer Bevölkerung vorbeistylen. Wir könnten unsere Kreativität auch nutzen, um unprätentiösere Angebote zu kreieren, die es querbeet durch alle Bevölkerungsschichten allen möglich machten, einfach mal Leben und Gemeinschaft zu feiern.

 


Zur Übersicht

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden