Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Den Wintersturm über Bern haben wir aus der Ferne miterlebt – mitten im Amazonas bei 30 Grad Celsius und gefühlten 120 Prozent Luftfeuchtigkeit, in der Zweimillionenstadt Manaus. Direkt neben unserem dortigen Zuhause steht eine Sambaschule, die gerade einen Arrastão durchgeführt hat – ein ohrenbetäubendes Riesenspektakel, bei dem die Bevölkerung zum Mittun eingeladen und Elemente vorgestellt werden, die während des Carnavals im Sambódromo, den Wettkampfarenen der Schulen, präsentiert werden.
Sambaschulen sind in Brasilien schillernde Organisationen, die viel Quartierarbeit leisten, aber auch immer wieder zu Gravitationszentren von Banden und Drogenhändlern werden. Als Arrastão werden auch Beutefeldzüge bezeichnet, vor denen sich Ladenbesitzer oder flanierende Ausflügler fürchten.
Wo findet der «echte» Carnaval statt, kann man sich fragen. Sambódromos wie dasjenige von Manaus werden gerne als Kopien desjenigen von Rio belächelt. In Salvador im Nord­osten schwört man auf den eigenen Strassencarnaval mit seinen Trio elétricos, Musikgruppen, die auf gigantischen Camions dem Volk einheizen. Der Carnaval in Rio geht allerdings auf Traditionen des Nordostens zurück, und diese haben ihre Wurzeln eigentlich in europäischen Fasnachtsbräuchen. Ist also die Kölner Fasnacht das wahre Ding? Die Austoberei der Luzerner Guggen-Nächte? Oder sind es die bissigen Schnitzelbänke der «drey scheenschte Dääg» von Basel?
Für ältere Stadtbewohner mag die Berner Fasnacht zu jung sein, um wirklich einheimische Kultur zu repräsentieren. Erweist sie der Stadt mit der Befreiung des Mutzen einen Bärendienst? Es gibt in Sachen Fasnacht, Karneval oder Carnaval kein Original. Es gibt bloss solche, die ans Herz und in die Beine gehen. Auch in Bern ist die vor der Tür stehende Fasnacht genau in dem Masse authentisch, wie sie die Stadt zum Beben bringen wird. Also: Lassen wir es krachen.


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