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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Moderne Stadtmenschen haben ein immer neurotischeres Verhältnis zum Essen. Der währschafte Herbst, die Jahreszeit der Ernte, Jagd, Konservierung und ihrer ländlichen Feste bietet das beste Heilmittel. Also: Raus aus der Stadt! Mitfeiern in der Region. Die Wildsaison ist ja bloss das eine. Es locken aber auch Wümmet, Metzgete, Hoblete, Brisolée (geröstete Kastanien), Kürbisfeste, Alpabzüge mit Käsemärkten und so weiter und so fort… Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres ist das Umland der Städte genussvoller zu erleben.


Vielleicht sollten wir uns in dieser Hinsicht wieder ein Vorbild an den ganz Grossen der Berner Kunst nehmen. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der dem Essen trotz (oder wegen seiner Diabetes) in fast biblischem Ausmass zusprach, soll sich einen Sarg voller Kartoffelsalat und Cervelats gewünscht haben, und der Eisenplastiker Bernhard Luginbühl konnte aus Kunst und reich gedeckten Tischen satte Gesamtkunstwerke schmieden.

Wer genug hat von Kalorienzählen, immer verschrobeneren moralischen Diskussionen um das rechte und gerechte Essen, Functional Food und Nahrungsmitteln mit schwer auszusprechenden Namen wie Chia, Goji, Açai oder Kurkuma, kann seine Ent-deckungsfahrt in die Welt der kulinarischen Überfülle ja im Gürbetal beginnen, am Samstag bei der Chabis-Hoblete in Toffen. Wer den urbanen Bildungsdrang nicht unterdrücken will, kann auf dem Ballenberg (im Bauernhaus aus Tentlingen) pädagogisch wertvoll selber ein Glas Sauerkraut einmachen. In Huttwil gibt es zur gleichen Zeit einen Käsemarkt, in Mürren eine Chästeilet, etwas später im Oktober ist in Twann Trüelete (Winzerfest). Und keiner hindert uns daran, uns an einen Waldrand zu setzen, das Herbstlicht zu bewundern und aus dem Chörbli, Brot, Wein, Treberwurst und ein Kürbis-Gazpacho zu geniessen.


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