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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli arbeitet für die Hochschule der Künste Bern HKB und ist bei pakt – Neue Musik Netzwerk und (noch) im Verein Neustadt Bern engagiert.

Stadtkultur? Hat da jemand Stadtkultur gerufen? Mein Bern taumelt zwischen notorischer Fussballeuphorie, Hochsommer-Aare-Popup-Wellness-Oase, Schützenmatt-Vorplatz-Party-Revolte und kulturellen Zwischennutzungen à gogo. Halleluja. Aber etwas fehlt in der Aufzählung, was diese Stadt gerade in ein neues Jahrzehnt spickt: Die Touristinnen und Touristen in der Altstadt. Sie haben Bern gleich massenhaft entdeckt und finden die paar Meter zwischen Zytglogge und Bärengraben: einfach geil!

Ich wohne mit Blick auf diese Postkartenidylle – ein Bild, das mich aus dieser nahen Distanz zugleich anzieht und abstösst. Aber echt ätzend ist der Arbeits- und Alltagsweg über die Nydeggbrücke und durch die Gerechtigkeitsgasse. Sie sind jetzt fast dauernd da, diese Menschen, von denen wir nur wissen, dass sie aus «Asien» sind. Wir wollen sie nicht kennen lernen, sie wollen uns nicht kennen: Der Selfiestick und der permanente Blick auf sich selber degradieren die pittoreske Altstadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner zur Kulisse. Der touristische Blick ist kein interessierter, sondern ein aneignender.

Es mag kleinlich erscheinen, wenn man sich über doofe und anmassende Touris aufregt. Richtig weh tut der Anblick aber vor allem, weil wir wissen, dass wir auf Reisen nach Paris, London, Rom und Berlin meist genau die gleiche Tour abziehen: das schnelle Abchecken und Einsammeln von pittoresken Anblicken. Das Schlimme ist also, dass wir gleich sind wie die nervigen «Asiaten» auf der Nydeggbrücke. Der grassierende Tourismus ist die Freizeit-Migration des Mittelstandes – und hat nun auch Bern erreicht: Willkommen in der globalen Realität.

Was gehört zu unserer Stadtkultur? Tourismus, ja halt. Die Stadt muss Zugang und Zirkulation der touristischen Massen angemessen regeln. Und gleichzeitig sollte sich das politische und gouvernale Bern explizit zu einer offenen Migrationspolitik bekennen und sich Aktionen wie Die Seebrücke anschliessen. Die nächste Chance dafür bietet sich am 29. September, wenn in Bern für sichere Fluchtwege demonstriert wird.


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