Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin, Produzentin und Vorstandsmitglied von ACT Bern, dem Berufsverband der freien Theaterschaffenden. Sie liebt die Aare (vor allem im Sommer) und gute Bücher (immer).

Momentan fliesst viel Wasser die Aare hinunter. Bis zur badefreundlichen Wassertemperatur dauert es noch etwas. Aber im Marzilibad sind die Schwimmbecken schon gefüllt und «Ernie», der von Energie Wasser Bern gespendete Gasgrill, steht bereit. «Grillen im Marzili? Geit’s no? Die Wurst­brätler sollen doch im Eichholz bleiben», ärgerte ich mich. Und dann ärgerte ich mich über meinen Ärger. Mein Widerwille gegen Ernie hat ja schon was von Bünzlidenken.

Aareabwärts hat die Stadt die Lorrainesauna bewilligt. «Geit’s no? Ich will nicht, dass die da blütteln, wenn ich mit Hund und Kind und Kegel der Aare entlang spaziere», denken viele.

Dabei gibt es derzeit Anderes, worüber man sich in Bern nerven kann und soll. Über Personalmutationen in städtischen Kulturbetrieben zum Beispiel. Darüber, wie solche Prozesse ablaufen, wie neu-, um- und abgesetzt wird. Oder wie eben nicht kommuniziert wird, wie Stellen besetzt werden.

Wird nach dem sogenannten demokratischen Prinzip, wer die meisten Stimmen kriegt, gewählt?

Ich bin für die Einführung eines neuen Abstimmungsverfahrens, das nicht nur die Zustimmung misst. Wesentlicher ist dabei der Widerstandskoeffizient: Alle Abstimmenden vergeben Punkte dort, wo sie am meisten Widerstand spüren. Diskutiert werden die Varianten, bei denen am wenigsten Widerstand gemessen wurde – und umgesetzt wird dann diejenige mit dem grössten Konsens. Es ist erstaunlich, was dabei herauskommt. Denn so werde ich gezwungen, Stellung zu beziehen, warum ich gegen etwas bin. Ich habe ja nichts gegen Grillieren an sich. Ich habe nur etwas gegen inflationäres Ausbreiten von Feuerstellen: Alle bringen ihren eigenen Grill mit und lassen ihn im schlimmsten Fall danach einfach stehen, es ist ja ein Einweggrill. «Ernie» aber ist ein Gemeinschaftsgrill. Ich nehme das nächste Mal meine Cervelat mit ins Marzili.

Die Widerstandsabstimmung propagiert übrigens der österreichische Autor Christian Felber in seinem Buch «Die Gemeinwohl-Ökonomie». Liest sich gut, auch nach einem Schwumm in der Aare.

 

 


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