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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.
Illustration: Rodja Galli, a259

Kommentare in den sozialen Medien haben eine erschreckend simple Grundform: «Endlich sagt hier einer die Wahrheit» oder so ähnlich muss immer dabei sein, dazu eine abwertende Bezeichnung für das gerade gemeinte Hassobjekt: Faulenzer, Parasit, Volksverblöder, Verräter, Tussi, Rechtsverdreher etc. «Rechtspopulisten» oder «Cüpli-Sozialisten» erscheinen in diesem Licht als ironische Liebenswürdigkeiten. Abgeschmeckt wird vorhersehbar mit einem symbolischen Auf-den-Tisch-Hauen: Jetzt ist genug, hier muss einer mal aufräumen, jagt sie zum Teufel, dieses Ungeziefer muss man zertreten.

Ich wünschte mir als Weihnachtsgeschenk ein bernisches Jungunternehmen, das die Alleinstellungsmerkmale Berns geschickt für eine soziale Plattform zu nutzen verstünde. Zum ersten dürften darauf Kommentare, hiesiger Gemächlichkeit folgend, bloss im Abstand von mehreren Stunden platziert werden. Immer dabei sein müsste ein «Nume nid gschprängt» oder «Was du nid seisch!». Obligatorisch wären Bezeichnungen wie Siebesiech, Gschpändli, Schangli, Held oder, wenn’s hochkommt, Bhoupti. Zum Abschluss müsste das Ganze gewürzt werden mit «S’isch halt wie’s isch», «Dr Gschyder git nah», «S’git nüt wo’s nit git» und so ähnlich, sonst wird nichts freigeschaltet.

Statt «Endlich sagt mal einer, wie’s ist, diese Verräter müsste man wie Ungeziefer zertreten! (Wutsmiley)» würde man lesen: «Was du nid seisch… la doch die Bhouptis sy wie si sy, dr Gschyder git nah. (Stirnrunzel­smiley)» Wär’ doch was. Den Weltmarkt könnte man damit leicht erobern. Bloss «Glögglifrösch» oder «schturme Gring» auf Ukrainisch oder Mandarin zu übersetzen, dürfte zunächst zur Herausforderung werden. Dass es aber auch in China Bhouptis und auf der Krim einige gibt, die es immer mal wieder aschnäggelet, davon kann man getrost ausgehen.


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