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Pegelstand

von Madeleine Corbat
© Rodja Galli, a259

Madeleine Corbat

Madeleine Corbat ist Produzentin bei Recycled Tv in Bern. Sie ist Präsidentin des Vereins Cinéville / Kino Rex sowie Vorstandsmitglied von Bern für den Film. Illustration: Rodja Galli, a259

Reden ist Silber, Schweigen Gold. Dies hier ist ein Plädoyer fürs Schweigen. Wenigstens einen Tag lang – wenn möglich länger.

Gross ist momentan die Aufregung, der Futterneid, die Empörungskurve schlägt hoch aus, ist tief rot gefärbt: Die falschen Kulturschaffenden kriegen die zu hohen Preise (oder überhaupt Preise), auf Shortlists stehen die falschen Autoren, gefördert wird sowieso nur Mist und Stipendien werden an potentielle Verbrecher vergeben. Ja, sie gehören gar abgeschafft!

So und ähnlich lautet der Tenor in diesem Herbst, eine riesige Profilierungsblase, die vorab in den (sozialen) Medien stattfindet. Inhaltliche Diskussionen, profunde Kritiken? Fehlanzeige. Wie klingt die Musik der Gewinnerin, was ist neu, innovativ am Rapper, weshalb berührt ein Buch, was ist dessen Beitrag zur aktuellen politischen oder sozialen Debatte? Fehlanzeige.

Schnell ist dagegen der persönliche Befindlichkeitssenf auf das Social-Media-Profil geschmiert, sind Meinungen von sogenannten Meinungsmachern online, wird die Hysterie virulent, der Skandal perfekt. Kleinigkeiten werden gross geschrieben, Neidkultur, Missgunst, Besserwisserei allenthalben. Mit Inhalten hat das wenig zu tun. Eigentlich nichts.

Deshalb, bitte, bitte liebe Empörungsfanatiker, schweigt! Beruhigt euch. Wenigstens einen Tag lang. Geht offline. Schliesst die Augen und hört Musik; öffnet sie und lest ein Buch, geht ins Kino, ins Theater, ins Museum. Lasst euch verzaubern, berühren oder ärgert euch über Kunst- und Kulturcontent (um es einmal social-media-tauglich auszudrücken). Hauptsache Inhalt vor Verpackung.

Und vielleicht gewinnt ihr dann auch wieder einmal die klitzekleine Erkenntnis, wie verwöhnt wir hierzulande sind, dass wir Kultur leben und von Kultur leben können, sie auszeichnen dürfen. Nicht im Versteckten, nicht unter Lebensgefahr. Andernorts herrscht Krieg, schlimmster Krieg: Kultur ist – leider – einmal mehr ein grosses Privileg. Das ist Gold wert. Und ein langes Schweigen.


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