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Pegelstand

von Manuel C. Widmer
© Rodja Galli, a259

Manuel C. Widmer

Manuel C. Widmer ist Primarlehrer, Stadtrat (GFL), als plattenleger mcw (Zweitklass-)DJ in diversen Berner Klubs und als YB-Fan auch an Fussballkultur interessiert. Er ist leidenschaftlicher Koch und Vorstand der IG Nachtleben. Illustration: Rodja Galli, a259

Es ist ein Kreuz mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund – aus irgend­einem Grund. Während wir am 1. August eher verschämt das Lampion mit dem Kantons- oder Landeswappen an den Balkon hängen, feiern die Bretonen sich und ihren «Kanton» tagtäglich. Und das auf eine wirklich sympathische, gesunde und angenehme Weise.

Ein Fest Noz scheint so etwas wie ein Stadt- oder Dorffest zu sein. Auf jeden Fall trifft sich das ganze Dorf (oder die halbe Stadt), trinkt bretonisches Bier oder Cidre, isst Moules Frites und – tanzt! Alle tanzen zu den mannigfaltigen bretonischen Weisen mit meist keltischen Texten.

Wir werden am 1. August leicht mit dem Fuss zur Polka des Ländlerquartetts mitwippen – maximal. Weil für uns die Volksmusik einen fahlen Beigeschmack hat, einen leicht nationalistischen Dünkel. Während Bretonen ihre Kultur, ihre Volksmusik, die Galettes und Caramel mit Fleur de Sel als Widerstand, als Identifikation verstehen, sind für uns Rösti, Cervelat und «Kafi fertig» immer irgendwie verdächtig.

Ein vollkommen unverkrampftes Verhältnis haben die Bretonen zu ihrer Volksmusik. Egal, wann und wo eine Gruppe aufspielt, es löst sich immer eine Gruppe von Bretoninnen oder Bretonen aus den Zuschauern, die zu tanzen beginnen, was weitere aufnehmen. Man tanzt – und immer mehr tanzen mit. Wenn wir am Schwingfest die Bühne stürmen und mittanzen wollten – wir würden von der Security zu Boden gerissen und als Störenfried des Platzes verwiesen.

Von den Bretonen lernen, heisst merken, dass die eigene Kultur nur dann missbraucht werden kann, wenn sie nicht mehr Volkskultur, nicht mehr Allgemeingut ist. Der 1. August ist eine gute Gelegenheit, den selbsternannten «Wächtern unserer Kultur» die Wachablösung zu gewähren.

Wo man singt (und tanzt), da lass dich nieder – schlechte Menschen kennen keine Lieder. Stürmt die Tanzflächen!


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