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Pegelstand

von Alexandra von Arx
© Rodja Galli, a259

Alexandra von Arx

Alexandra von Arx ist freie Journalistin und organisiert das Berner Literaturfest sowie die Literatur-Gespräche im Schweizerhof Bern. Illustration: Rodja Galli, a259

Ich habe mit meiner 92-jährigen Grossmutter eine Wette am Laufen. Sie behauptet, mein Grossvater sei zurück. Er lebt seit Jahren nicht mehr, kommt sie aber in letzter Zeit öfters besuchen. Meistens spricht er nicht mit ihr, weil er unzufrieden ist. Kürzlich aber hat er sie gebeten, ihm beim Anschieben eines Autos zu helfen. Weil ihr die Kraft dafür gefehlt hat, fühlt sie sich nun schlecht. Da redet er endlich einmal, und dann ist es doch für nichts. Wir haben nun abgemacht, dass sie ihn beim nächsten Besuch einfach zu mir runter schickt. Vielleicht klärt sich damit dann gleich, wer die Wette gewinnt.

Während sich meine Grossmutter ein Stockwerk über mir also mit Geistern herumschlägt, schlage ich mir unten mit überirdischer Musik (ja, wie sonst die grossartigen neuen Alben von Radiohead und James Blake mit einem Wort umschreiben?) die Zeit um die Ohren und schaue mir dazu im Netz die wechselnden Formationen des weltweiten Linienflugverkehrs an.

Seit ich Flightradar24 kenne, kann ich stundenlang auf die Webseite mit den gelben Fliegerpunkten schauen. Nach 30 Minuten habe ich erstmals ein Flugzeug über Syrien gesehen, nach drei Tagen endlich eines, das beinahe über die Zentralafrikanische Republik geflogen wäre. Leider ist es dann plötzlich vom Radar verschwunden. Ob sich dort eine Art riesiges Bermuda-Dreieck befindet? Das erinnert mich an eine Sendung mit David Copperfield, was jetzt aber ganz woandershin führen würde.

Jedenfalls: Sollten Sie einmal einen Flieger dieses Land, das den zweitletzten Rang im Demokratieindex einnimmt, durchqueren sehen, geben Sie mir doch Bescheid. Oder nein, halten Sie sich besser nicht mit solchen Dingen auf. Suchen Sie lieber die direkte Begegnung mit Menschen aus Fleisch und Blut. Zum Beispiel am Donnerstag in der Dampfzentrale am Auawirleben, wo Julian Hetzel in der Performance «Sculpting Fear» die Auflösung einer kalten, digitalisierten Welt inszeniert.


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