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Pegelstand

von Simon Jäggi
© Rodja Galli, a259

Simon Jäggi

Simon Jäggi ist Sänger der Kummerbuben und im Naturhistorischen Museum Bern zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Er hat Familie und hält Hühner. Illustration: Rodja Galli, a259

Meine erste Kolumne in diesem Blatt begann mit einer Abrechnung. Ich gestand, dass ich von der Kulturpolitik die Schnauze voll habe.

Kürzlich wollte ich der Kulturpolitik wieder einmal eine Chance geben. Ich fuhr in die Innere Enge zu einem Treffen von Bekult, dem Verein der Kulturveranstalter in Bern. Auf der Bühne: vier gestandene Politikerinnen und Politiker, die Berner «Stapi» werden wollen. Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, wer was gesagt hat, ich kann mich auch nicht mehr so genau erinnern. Irgendwie ist das bezeichnend.

Es ist immer so an Podien zu Kulturpolitik. Egal, wie gescheite Menschen auf der Bühne stehen, das Gespräch franst immer aus. Es zielt an den mutmasslich spannenden Themen vorbei und lässt einen verzweifelt nach der Gastro-Fachkraft Ausschau halten, die einem mit einem weiteren Glas Weisswein ruhigstellt.

Warum sind Kulturpodien so furchtbar? Vielleicht, weil die Teilnehmer entweder wolkige Phrasen absondern (wenn es um grosse Fragen geht) oder sich in Nebenschauplätzen verlieren (wenn es konkret wird). Vielleicht weil alle, die sich für Kulturpolitik interessieren, selber verhängt sind und durch ihre eigenen Vorlieben disponiert. Und wohl vor allem, weil Kultur etwas Flüchtiges, sich ständig Erneuerndes ist, das sich nicht von der Politik regulieren und von Politikerinnen oder Politikern auf den Punkt bringen lassen will. Freilich liesse sich Kulturpolitik knackig auf den Punkt bringen: Alle Subventionen streichen, sollen die Kasperlis ihre Theaterlis selber berappen. Aber so reden jene, die nicht von der Kulturpolitik die Schnauze voll haben, sondern von der Kultur an sich. Dieselben Leute haben seltsamerweise kein Problem damit, 700 Millionen für ein Fliegerabwehrsystem auszugeben, dass einem ähnlich kleinen Kreis Eingefleischter Freude macht wie ein experimentelles Performance-Festival.

Pegelstand: Weisswein: drittes Glas, Abneigung Kulturpolitik: dauert an.


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