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Off the Record

von 
Thierry Gnahoré
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard


Thierry Gnahoré

Thierry Gnahoré wuchs in Niederscherli auf und lebt heute in Biel. Als Nativ macht er Rap mit Lyrics, die von Rassismus, Revolte und vom Schwarzsein handeln. Was in seinen Tracks keine Erwähnung findet, schreibt er hier off-the-record auf.

Während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich auf dem Bett in meinem Hotelzimmer in Yamoussoukro und werde immer wieder abgelenkt vom Lärm, der von der gut befahrenen Strasse der Stadt in der Elfenbeinküste ausgeht.

 

Eigentlich wollte ich schon im Bus von Abidjan nach Yamoussoukro schreiben, aber das war schlicht nicht möglich. Mein Kopf verarbeitete noch alles, was ich am Vortag erlebt hatte. Da war ich Teilnehmer eines Videodrehs gewesen. Und zwar meines eigenen.
Anfangs wollte ich nur eine oder zwei Szenen drehen. Etwas Kurzes, damit ich nicht mit leeren Händen aus dem Heimatland meines Vaters zurückkomme. Doch dann fand ich mich in der Situation wieder, dass mein Mundart-Song aus den Lautsprechern eines Maquis – einer Mischung aus Club und Bar, mit offener Terrasse – inmitten von Abidjan dröhnte. Menschen auf der anderen Strassenseite schauten gespannt zu und tanzten mit. Obwohl sie nicht wussten, wer ich bin (oder vielleicht gerade deshalb), wurden sie Teil vom Geschehen, Teil des Videodrehs.

Da war diese eine ältere Dame. Während ich mich gerade überwunden hatte, inmitten einer afrikanischen Grossstadt spontan einen Videoclip zu drehen, gab sie mir ein Zeichen im Sinne von: «Ich verstehe zwar kein Wort, aber DICH supporten wir». Bei uns, sei es in Bern oder Biel, würde es wohl keine zehn Minuten dauern, und ich müsste mich mit einer Lärmklage rumschlagen. «Habt ihr eine Bewilligung?» kriegt zu hören, wer seiner Kreativität im öffentlichen Raum freien Lauf lassen möchte. Vorschriften, Gebühren etc. sind Künstler*innenalltag. «Kultur sicher, aber bitte nur dann, wann WIR wollen. Und bitte auch nur dann, wenn sie mir gefällt.»

Vielleicht ist dies ja unsere Kunst, dass wir sie nicht wertschätzen? Oder dass wir sie nur akzeptieren, solange sie innerhalb unserer Komfortzone stattfindet?

Die ältere Frau, die mich angefeuert hatte, verteilte gerade Mahlzeiten auf der anderen Strassenseite. Meine Anwesenheit schien sie nach wie vor nicht zu stören, im Gegenteil. Leben und leben lassen.


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