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Off the Record

von Ronja Fankhauser
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Ronja Fankhauser

Ronja oder Ra Fankhauser ist auf einem Bauernhof im Gantrisch aufgewachsen und lebt mitten in der Stadt Bern. Ra ist Schriftsteller*in ohne Pronomen, studiert am Literaturinstitut in Biel und reflektiert off-the-record sich selbst und das, was politisch und kulturell so läuft.

Ich gehe in die Vidmarhallen zum Stück «Hunger – ein Feldversuch» von Gernot Grünewald und Ensemble. Vor ein paar Monaten habe ich ganz am Rand mitgewirkt, bei einem Videodreh, jetzt wurde ich eingeladen. Beim Warten auf die Türöffnung sind meine Gefühle gemischt: Ich bin gespannt und ein bisschen zweifelnd. Wie ein Stück über Hunger produzieren in einem Land wie der Schweiz? Wie ein Thema an die Leute bringen, das sich, zumindest auf den ersten Blick, so weit weg abspielt?

Beim Eintreten in den Raum gebe ich mir also Mühe, optimistisch zu sein, und werde als erstes überrascht. Das Theater ist gefüllt mit Pflanzen und Erde, die Sitzplätze um Hochbeete und Tische aus Europaletten arrangiert. Das Publikum ist angehalten, sich in Gruppen aufzuteilen. In den nächsten zwei Stunden folgen wir einem Postenlauf, in dem uns an jedem Tisch eine Aufgabe erwartet. Samen einpflanzen bei einem Lobbyisten, Karotten essen mit einer Kommunistin, jäten mit einer Biobäuerin. Manche Posten bestehen aus auf Wände projizierten 
Videos, andere sind interaktiv. Ich war vorher nur oberflächlich über das Thema des Welthungers informiert, jetzt erfahre ich die harten Fakten: Patente auf Saatgut, Pestizide, Industrialisierung, Land-raub. An der Spitze der Pyramide: All die Firmen, die ihr Geld mit dem Hunger verdienen und ihre sauberen Büroblöcke im Herzen der Schweiz bauen, ihr blutiges Geld in unseren blutigen Staat speisen. Glencore, Syngenta, Nestlé. Am Schluss bin ich ohnmächtig von all den Informationen, all den Katastrophen, und keine Lösung in Sicht. Im Zug nachhause führe ich mit der Person, die das Theater mit mir besucht hat, eine intensive Diskussion darüber, wie mit diesen Themen – Klimawandel, Weltuntergang, Terror – umzugehen sei. Mein Gegenüber fragt: Was bringt ein Stück, das uns nur sagt, wie schrecklich alles ist? Ich entgegne: Bildung bringt Wandel, wenn auch oft nur indirekt. Wir schliessen, dass wir uns mehr Lösungen gewünscht hätten, ein konkreteres Sammeln von Ideen. Die Form des Stücks hingegen überzeugt. «Hunger» ist ein Workshop, eine Schulstunde, eine Schnitzeljagd. Hingehen, das Stück spielt noch!

Am Schluss bekommen wir alle einen Setzling. Zu Hause schaffe ich es nicht, ihn am Leben zu erhalten. Ich gebe mir Mühe, das nicht als negatives Zeichen zu werten.

Illustration: Olivia von Wattenwyl, Blackyard


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