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Off the Record

von Milena Krstic
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Milena Krstic

Milena Krstic musste sich zwischen Journalismus und Musik entscheiden - sie wählte letzteres, solo macht sie Sound als Milena Patagônia, im Duo als Cruise Ship Misery. Schreiben tut sie trotzdem weiter. Zum Beispiel off-the-record aus ihrem Aufenthalt in Belgrad.

15.4.22: Gestern habe ich eine Bekannte besucht in Novi Beograd. Neue Siedlung, heller Beton, aufgeheizt von der Sonne, die mir eine Vorahnung gibt auf die Hitze, die uns bald in den Würgegriff nehmen wird. Eine Dachwohnung, 100 Euro Miete bei einem Monatslohn von 450 Euro. Meine Bekannte tunkt mit Sesam besprenkeltes Weissbrot in eine Mischung aus Milch und Eier und frittiert die Scheiben in Sonnenblumenöl.

28.5.22: K. und ich waren fünf Tage lang unterwegs mit dem Fahrrad, Route 6 Richtung Atlantik. In Stari Slankamen freundeten wir uns mit der Streunerhunde-Gang an und redeten drei Tage lang nur über Hunde. Habe gemerkt, dass das therapeutisch ist und man eigentlich über gar nichts anderes reden muss.

2.6.22: 21.39 Uhr, 24 Grad, 69% Luftfeuchtigkeit. Es riecht nach Rosen, Lindenblüten, so intensiv, dass die Verwesung schon im Duft mitschwingt.

8.6.22: Mein neues Lied macht mich so glücklich, dass ich damit auch Spass haben werde, wenn niemensch anders es fühlt.

10.6.22: Es erstaunt mich, wie fröhlich meine neue Musik klingt, ich scheine Spass zu haben.

25.6.22: Habe mit B. telefoniert und gemerkt, dass sie wirr redet. Fahre in ihre Wohnung, erkenne sie kaum wieder, befürchte einen Schlaganfall, rufe die Ambulanz. Seit Covid sei das nicht mehr so einfach, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung, ob sie ansprechbar sei? Ich sage ja. Die Auskunft meint, rufen Sie nochmal an, wenn sie weggetreten ist. Zum Glück kommt meine Cousine und hilft mir, B. in die Notaufnahme zu fahren. Dort wird eine Lungenentzündung diagnostiziert, gefährlich, warum wir nicht früher gekommen seien.

26.6.22: B. lebt, bittet mich am Telefon darum, WC-Papier und Seife ins Krankenhaus zu bringen, das gebe es hier nicht. 40 Grad im Schatten. Die Hitze degradiert mich zu einem trägen Etwas.

30.6.22: K. und ich planen unsere Rückreise, buchen Flixbusse und Zug.

3.8.22: Die Rückreise war schmerzhaft. Für meinen Nacken und mein Schlafbedürfnis. In Erinnerung bleibt der slowenische Grenzkontrolleur: Sleeve-Tattoo, Wu Tang Clan aus den Lautsprechern, kahl geschoren, zur Musik mittwippend. ID kontrolliert. Legende.

Illustration: Olivia von Wattenwyl, Blackyard


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