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Das mit ihnen sei «eine ganz grosse musikalische Liebe»: Cruise Ship Misery sehen ihre Nähe zu Mani Matters Liedern im Unwohlsein, welches auch ihr Sound auslöse.© Simon Habegger
Berner Generationenhaus

Tanzbare Beklemmung

Im Innenhof des Berner Generationenhauses erinnern vier «Mittagskonzärt ir Stadtoase» an Mani Matter: 
Diese Woche mit Cruise Ship Misery, die musikalisch zwischen verstörender Schwere und Discogefühlen navigieren.

Vor gut drei Jahren standen Sarah 
Elena Müller und Milena Krstic aka Milena Patagônia auf der Bühne im Rössli und tauften ihr Debütalbum «Urteil». Energetisch sang und rappte Krstic auf Berndeutsch im Abendkleid. Ihre Stimme war umhüllt und getragen von einem Synthesizer-Klang­teppich, den Müller ihrem Keyboard entlockte, während die poetisch sperrigen Textfragmente zeitgleich im Hintergrund in Schriftdeutsch über eine Leinwand flimmerten.

Grosse Liebe, dem Zufall geschuldet

Ursprünglich entwickelte Müller, die sich zwischen Lite­ratur, Musik, Theater und Virtual Reality bewegt, persönliche Texte für ein Performance-Festival. Autorin, Musikerin und Sängerin gleichzeitig zu sein, das sei zuviel gewesen und habe sich «zu intim» angefühlt. Eine spontane Probe mit Krstic, die ebenfalls Musik macht und schreibt, und der Fall war klar. «Das hier mit uns ist die ganz grosse musikalische Liebe», erklärt Krstic die Symbiose. Bis sich die Musikszene ihrem Sound annäherte, brauchte es aber seine Zeit. Das wird wohl an der Schwierigkeit liegen, ihn zu kategorisieren. «Einen sicheren Hafen» bietet das Spoken-Word-Wave-Pop-Duo mit seiner Musik nicht, wie es das «Artnoir Musik Magazin» wortspielerisch formulierte. Und das ist gut so. Denn ruhige Seegänge passen nicht zu Müller und Krstic. Nach und nach überwanden Veranstalter*innen ihre Scheu, Auftrieb erlebten die zwei auch dadurch, dass Müllers 25-jähriges Keyboard kaputt ging. «Der Trash-Faktor verschwand aus unserer Musik. Mit dem neuen Instrument wurde das Klangbild breiter, das Set-up bekam mehr Punch.»

Aussageverweigerung, Alpenflug

Ihr Debüt «Urteil» handelt von der Suche nach stimmigen Pronomen und mentaler Verwahrlosung, dreht sich um Aussageverweigerung, Paranoia, Panzerglas und Überwachung: Vertonte Ohnmachtsgefühle gegenüber dem staatlichen Verwaltungsapparat sorgen für dumpfe Gefühle in der Magengegend. In dieser Beklemmung sehen die beiden auch eine gewisse Nähe zur Musik des verstorbenen Berner Liedermachers und Juristen Mani Matter, der oft Kritik an der Beamtenstadt Bern übte und dessen Liedern fast immer eine Form von menschlichem Elend zugrunde liegt. Im kafkaesken «Är isch vom Amt ufbotte gsy» etwa soll ein Mann auf dem Amt erscheinen, verliert sich aber in den endlosen Gängen und den Mühlen des Verwaltungsapparats. In seinem «Alpenflug» steht zwei Freunden in einem Sportflugzeug wegen erschwerter Kommunikation ein unheilvoller Absturz bevor.

Matters Todestag jährt sich im November zum 50. Mal. Aus diesem Anlass organisiert das Berner Generationenhaus in Kooperation mit Kultur Stadt Bern Memorial-Konzerte: Während der Berner Liedermacher seine Figuren ungute Gefühle durchleben liess, sind es bei Müller und Krstic die Songs und ihr Sound, die Unwohlsein erzeugen.

Es ist aber nicht nur Schwere zu finden an Bord der Cruise Ship Misery. Immer wieder nimmt der Sound mit Disco, Techno und Elektro-Elementen eine Abzweigung ins Tanzbare, und Anflüge von Zärtlichkeit gibt es dann zu spüren, wenn Krstic im «hidden track» von «Urteil» beinahe flehend fragt: «Entschuldigung, wo findi hie Bestätigung?».

Wegschauen auf hohem Niveau

Nach etlichen Gigs in den letzten Jahren produzieren sie momentan ihr zweites Album. Auch hier wird es unbeschönigte Texte rund ums «Wegschauen auf hohem Niveau» geben, so Müller. Inhaltlich soll es aber divers zu- und hergehen, und ziemlich viele Tiere sollen vorkommen.

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