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Haben Russland verlassen: Pussy Riot spielen in der Mühle Hunziken.© ZVG
Mühle Hunziken, Rubigen

Sie kommen wirklich nach Rubigen

Pop und Protest: Auf ihrer Europa-Tournee machen Pussy Riot auch einen Abstecher in die Mühle Hunziken. «Riot Days» heisst die Show von Maria Alyokhina und Co., Putin-Kritiker*innen der ersten Stunde.

Sie kommen wirklich nach Rubigen. Oder, wie es auf der Website der Mühle Hunziken heisst: «Das ist ein Ding: Pussy Riot auf der Bühne am Teich!»

Zehn Jahre ist es her, seit das feministisch-aktionistische Kollektiv den Altarraum der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche mit seinem Punkgebet gegen Putin entweihte. Die 41 Sekunden, bevor Sicherheitsleute einschritten, machten die Hohepriesterinnen in bunten Sturmhauben, um in der Sprache der Orthodoxie zu bleiben, zu Ikonen und Märtyrerinnen des Widerstands gegen die hässliche Dreifaltigkeit von Klerus, Staat und Polizeiapparat. Zahlreiche Gefängnisaufenthalte und Hausarreste folgten auf diverse publikumswirksame Aktionen. 2019 stürmten Mitglieder des Kollektivs das WM-Finale in Moskau. Verkleidet in Polizeikluft protestierten sie gegen russische Polizeigewalt und Menschenrechtsverletzungen.

Im Frühling dieses Jahres, wenige Wochen nach Beginn des Ukrainekriegs, gelang Maria Alyokhina, Riot-Mitglied der ersten Stunde, die filmtaugliche Flucht aus ihrem Moskauer Hausarrest. Mit im Internet bestelltem Foodkurier-Outfit verliess sie, von der Security unbemerkt, ihre Wohnung und schliesslich Russland in Richtung Europa. Seither tourt Maria Alyokhina mit einer Wiederaufnahme der «Riot Days»-Show durch den Westen, einem Hybrid zwischen Performance und Punkkonzert, das auf den 2017 veröffentlichten Gefängnisaufzeichungen Alyokhinas beruht. Mit dabei ist auch der russische Theaterregisseur Yuri Muravitsky, der die Show choreografierte.

Der «Guardian» bezeichnete die «Riot Days»-Show als «a primal, revolutionary new electronic punk opera». Nicht zu kurz kommt in der aufdatierten Version der Krieg in der Ukraine: Der Westen solle auf russisches Gas und Öl verzichten, ist einer der Aufrufe, der am Basler Konzert zum Frauenstreiktag im Juni ertönte. Und: Die Schweiz solle ihre Neutralität hinter sich lassen und auf hiesigen Banken gebunkerte Oligarchengelder für den Wiederaufbau der Ukraine freigeben.

Ist das noch Punk?

An eine Rückkehr nach Russland ist für keines der Pussy-Riot-Mitglieder aktuell zu denken. Auch nicht für Aktivistin und Künstlerin Nadeschda Tolokonnikowa, auch sie seit 2011 mit dabei. 2014 gründete sie mit Alyokhina den Nachrichtendienst Media Zona, um staatsunabhängigem Journalismus eine Plattform zu bieten. Viele ihrer Freund*innen hätten wie sie das Land nun verlassen, Proteste seien zu gefährlich, sagte Tolokonnikowa unlängst gegenüber dem us-amerikanischen Radiosender NPR. Dieser Tage veröffentlichte sie unter dem Kollektivnamen Pussy Riot die EP «Matriarchy now». Kein Punk, sondern sieben professionell produzierte Dance-Pop-Songs mit bösen Texten sind das, verpackt in ebenso bösem Cover (es zeigt eine Entmannung in Gemüseform), das mit der etwas beliebig gewordenen Girl-Boss-Attitüde und Ironie enttäuschend gefällig und ungefährlich wirkt.

Ein bisschen müssen Pussy Riot aufpassen, nicht zu Marke und Maskottchen des Westens zu werden, auch mit Auftritten wie dem in Rubigen. Denn das haben sie nicht verdient.

Ihrem antikapitalistischen Vorsatz, kein Geld für ihre Gigs zu verlangen, bleiben Pussy Riot in der Mühle Hunziken treu. Die Einnahmen kommen unter anderem einem Kinderspital in der Ukraine zugute.

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