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Der Bassist Wolfgang Zwiauer freut sich darauf, Menschen wieder zu umarmen ohne «abzuscannen, wer jetzt wie drauf ist». © Mark Nolan

Old-School mit Weitsicht

Corona brachte auch Innovatives hervor: Der vielseitige Musiker Wolfgang Zwiauer, der unter anderem bei Züri West und Shirley Grimes mitspielt, über sein Streaming-Projekt «Life at the Zoo», das während des Lockdowns entstanden ist.

Wolfgang Zwiauer ist ein Musiker, der sich in den unterschiedlichsten Genres und Kombos tummelt: Neben diversen Jazz-Projekten spielte der Bassist in der Vergangenheit im Studio für diverse Pop-Platten und im Projekt von Tinu Heiniger. Heute tritt er mit Shirley Grimes und Mich Gerber auf und ist seit vier Jahren Teil von Züri West, ausserdem ist er Jazz-Dozent an der Hochschule Luzern. Bei einem Treffen im Murifeld-Quartier in Berns Osten, wo Zwiauer seit 18 Jahren lebt, sagt der besonnene Bassist: «Ich freue mich nach Corona besonders darauf, dass ich die Menschen wieder unbeschwert umarmen und begrüssen kann, ohne ständig abscannen zu müssen, wer jetzt wie drauf ist.» Dass man nicht immer in die Stadt gerannt sei, um etwas zu holen, habe er wiederum geschätzt: «Anstatt zu kaufen wurde geflickt und geliehen. Diese Zeit war irgendwie old-School», sagt er mit ernsthaftem Ausdruck.

Studio im Pfadihaus

Auch die Aufnahmesessions «Life at the Zoo», die der Berner gemeinsam mit dem Journalisten und Dozenten für Jazzgeschichte, Tom Gsteiger, und Drummer Felix Wolf zwei Tage nach dem Lockdown initiiert hat, sind irgendwie retro. Das Aufnahmetempo erinnert an die 60er-Jahre, als etwa Aretha Franklin an einem Tag im Studio spielte und die Platte bereits eine Woche später gepresst war und im Radio lief. Für das kooperative Projekt «Life at the Zoo» laden Gsteiger, Wolf und Zwiauer Musikschaffende aus der ganzen Schweiz ein, ein Set in einem ehemaligen Pfadihaus mit Blick ins Grüne und viel Weitsicht in der Äusseren Enge zu spielen. Dort richteten sich die drei zusammen mit dem Mundartmusiker Christoph Trummer, dem Klangkünstler Robert Aeberhard von Fitzgerald & Rimini und Jürg Frey von der Band An Lár das Tonstudio The Zoo ein, das seinen Namen bereits an seinem früheren Standort in Zollikofen erhielt.

«Richtig im Flow»

«Die Musikerinnen und Musiker, die sich teils nicht einmal kennen, richten sich ein, spielen zwei bis drei Stunden, wählen das Material für den einstündigen Mix aus und fertig. Daraus ist auch schon eine neue Platte entstanden.» Zwiauers Rolle sei mit der eines Produzenten zu vergleichen: «Einerseits schreite ich ein, wenn genug Material da ist. Andererseits ermutige ich die Musikerinnen und Musiker, die übrigens nicht alle aus dem Jazzbereich kommen, dazu, weiterzumachen, wenn ich das Gefühl habe, sie seien gerade richtig im Flow.» Anschliessend stelle er aus den Aufnahmen das Set zusammen, das man auf dem «Life at the Zoo»-Channel auf Soundcloud streamen kann.

Die Sets können gratis angehört werden, die Auftritte werden jedoch mithilfe von Stiftungsgeldern entlöhnt, so Zwiauer. «Ein Tropfen auf den heis­sen Stein», wie er sagt. So lange sie können, machen sie weiter. Zwiauer verabschiedet sich nach dem Gespräch mit einem Händedruck – dem ersten seit einer gefühlten Ewigkeit.

www.wolfgangzwiauer.myportfolio.com
www.soundcloud.com/life-at-the-zoo

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