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Kathy Flück ist «verschiebungsmüde».© Kathy Flück
Dachstock, Bern

«Ich orakle nicht mehr so»

Kathy Flück, Programmverantwortliche für den Dachstock in der Reitschule, über laute Momente im leeren Lokal, heimisches Cola, und warum sie keinen Berufswechsel anstrebt.

«Ich bin kurz davor, nächstens, mitten am Tag, mit jemanden aus unserem Dachstock-Technikerinnen- und Technikerteam die Anlage raufzufahren und auf 100 Dezibel aufzudrehen. Einfach, damit ich wieder mal hören kann, wie das ist.» Bookerin Kathy Flück vermisst den Lärm. Zu Hause die Stereoanlage aufzudrehen sei auch keine Alternative, sagt sie: «Meine Wohnung ist sehr ringhörig, das würde meine Nachbarn gar nicht freuen. Vor allem, weil ich ja dann auch noch von Zimmer zu Zimmer tanzen würde.» Flücks Leben dreht sich um Livemusik: Seit Anfang 2014 ist sie für das Programm im Dachstock zuständig, daneben führt sie, seit 2011, ihre eigene Agentur Get Loud (seit 2015 gemeinsam mit Jony Fernández). Davor war sie über 15 Jahre Teil der Agentur Pleasure Productions GmbH.

Eventualitätsprognosen

Ein oder zwei Mal pro Woche trifft man Flück momentan noch im Dachstock an, ansonsten ist sie, wie der Rest des kleinen Teams, im Homeoffice. Wochenende um Wochenende zieht vorbei, ohne dass die Holzbalken vibrieren und Leute in der Euphorie ihre halbvollen Bierflaschen fallen lassen. Im April sei das Team noch fest mit Umbuchungen beschäftigt gewesen, meint Flück, aber auch dies habe sich mittlerweile gelegt. Und das mit dem Umbuchen sei sowieso eine Sache für sich: Viele internationale Bands könnten noch gar nicht genau sagen, ob und wann es nächstes Jahr eine Europa-Tour gebe. Gewisse Acts, welche nun in den Herbst verschoben wurden, verschieben sich eventuell auf Frühling 2021 oder noch später. Flück ist «verschiebungsmüde», wie sie sagt. Das habe aber auch sein Gutes: «Bis vor Kurzem entwickelte ich ständig neue Eventualitätsprognosen: Wenn der Bundesrat so entscheidet, können wir das und das machen, wenn nicht, dann machen wir was anderes. Damit habe ich jetzt aufgehört, und seither bin ich entspannter. Ich orakle nicht mehr so.»

Ein Hoch auf das Sinalco-Cola

Für Flück ist klar, dass das Lokal, in dem an einem ausverkauften Konzert um die 700 Personen Platz finden, nicht um jeden Preis wiedereröffnet werden muss. «Nähe ist für einen Club und ein Konzertlokal essenziell – unter Umständen werden die neuen Bedingungen für das Nachtleben so restriktiv sein, dass es für uns (noch) keinen Sinn macht die Türen zu öffnen.» Sollten kleine Konzerte ab Herbst wieder möglich sein, sei dies eine grosse Chance für lokale Musikerinnen und Musiker, meint Flück. «Es gibt so viele herausragende Schweizer Bands, und es würde mich freuen, wenn einige davon eine grössere Plattform bekämen.» Die grossen Namen aus dem Ausland werde man wohl eine Weile nicht mehr live zu hören bekommen, aber das sei nicht das Ende der Welt: «Es gibt jetzt halt gerade kein Coca-Cola mehr zum Trinken, aber Sinalco-Cola gibt es noch. Und das ist voll okay und fein.» Um bei der Getränke-Metapher zu bleiben: Es könne durchaus sein, so Flück, dass das hiesige Publikum dieses Jahr Musikgeschmack und Ausgangsverhalten adaptiere. «Wenn es wieder Konzerte und DJ-Abende gibt, werden wir diese anders erleben, als bisher und ich glaube, dass die Leute eher bereit sein werden, sich vermehrt auf Neues einzulassen und eben nicht nur für Acts auftauchen, bei denen sie schon alle mitsingbaren Songs- und Single-Auskopplungen kennen.»

The Kills im Auto

Obwohl ihre Branche selten so gebeutelt wurde wie dieses Jahr und wahrscheinlich weitere schwierige Monate bevorstehen, einen Karriere­wechsel strebt Flück nicht an. Klar, überlegt habe sie sich das schon, in letzter Zeit, aber: «Ich habe ganz spezifische Fähigkeiten, die ich mir in den vergangenen 25 Jahren erarbeitet habe, die lassen sich nicht einfach so eins zu eins auf einen anderen Job übertragen. Ich bin gut darin, Anlässe zu buchen und organisieren, ein Programm auf die Beine zu stellen, Punkt.» Welches Lied würde sie sich denn wünschen für ihren solitären 100-Dezibel Moment im Dachstock? Sie überlegt und kommt zum Schluss, dass es der gleiche Track wäre, den sie vergangene Woche bei einer Autofahrt von Bern nach Thun hörte, fernab jeglicher Nachbarn: «No Wow», vom gleichnamigen Album von The Kills. «Es ist ja alles etwas ‹No Wow› im Moment, oder?», sagt sie und lacht ihr warmes, rauchiges Lachen.

www.dachstock.ch

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