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«Ich habe musikalisch mehr zu sagen, als nur richtig Trompete zu spielen.» Lukas Thoeni übt täglich mehrere Stunden. © Doris Hüsler

Freiheit bedeutet nicht weniger Arbeit

Trompeter Lukas Thoeni spielt beim Swiss Jazz Orchestra und mit vielen anderen Bands.

Lukas Thoeni ist ein echter Künstler – und ein echter Lebenskünstler. Denn trotz massiver finanzieller Einbussen durch die Coronakrise, die Kulturschaffende in existenzielle Not treibt, findet der 37-Jährige «bei Weitem nicht alles negativ, was die Krise mit sich brachte.» Er ist einer der renommiertesten Schweizer Jazz-, Soul-, und Funktrompeter. Er spielt beim Swiss Jazz Orchestra (SJO) und hat dort eine leitende Funktion inne. Kurz vor dem Lockdown war er mit Christoph Grab’s Reflections auf Tour. «Zu Beginn der Krise waren wir Musiker zerrissen, wie wohl alle. Wir sinnierten: Sind die Massnahmen des Bundes gerechtfertigt oder eher nicht? Sind sie zu stark oder gar zu schwach? Welche Auswirkungen werden sie auf unsere Arbeit haben?», so Thoeni. Am 14. März habe er im «Bird‘s Eye Jazz Club» in Basel sein letztes Konzert gespielt. «Es war magisch.» Obwohl zu dieser Zeit, wohl aus Vorsicht, bereits nur wenig Menschen anwesend gewesen seien. Am Tag darauf wäre das «Moods» in Zürich auf dem Tourneeplan gestanden. «Wir hatten erst fünf von zwölf Konzerten in diesem Jahr gespielt.» Trotz mancher Enttäuschung habe er niemanden in seinem Umfeld erlebt, die oder der die Massnahmen nicht verstanden oder gejammert hätte. «Es war ein grosses Vertrauen gegenüber der Regierung und ihren Entscheiden spürbar.» Und dies, obwohl es manchen seiner Berufskolleginnen oder –Kollegen finanziell nicht mehr gut gehe. «Wir sind kleine KMU – nur ohne eine AG oder GmbH im Rücken. Wir haften als Privatpersonen.»

Manche hätten Existenzängste. Er persönlich habe noch die Eltern im Rücken, die ihm im Notfall aushelfen könnten. «Obwohl sich dies für einen 37 Jahre alten Mann, der 15 Jahre Konzerterfahrung hat und an die 2000 Konzerte spielte, nicht gut anfühlt.» Thoenis Taggeldsatz beträgt zurzeit 22.40 Franken. So habe er kürzlich nicht schlecht gestaunt, als die Steuerrechnung 2018 ins Haus geflattert sei. «Wie soll ich diesen Betrag nun aufbringen, in einer Zeit, in der ich nichts verdiene?» So sei er, gerade vergangene Nacht, bis morgens um fünf Uhr seine Finanzen durchgegangen. «Ich müsste sechsmal mehr bezahlen, als ich bekomme», überlegt er. «Das ist nicht machbar.» Die gesamte vergangene Woche habe er investiert, um seine Buchhaltung zu machen. «Es ist spannend: Bei 150 oder 200 Konzerten im Jahr gibt es so einige Formulare auszufüllen.» Da er normalerweise mit vielen verschieden Bands unterwegs sei und alle Angaben deklarieren und verifizieren müsse, sei man da schon eine Weile beschäftigt… Aber auch den Veranstaltenden gehe es ähnlich. Darunter das Bierhübeli, wo das SJO jeweils montags auftritt, hat die Pforten bis auf Weiteres geschlossen. «An die 60 Konzerte fallen in diesem Jahr für mich aus.» Er sei aber weit davon entfernt, sich zu beklagen. «Auch, wenn ich dies nicht so prickelnd empfinde. Anderen Menschen in anderen Ländern geht’s weitaus schlechter.»

New York fällt ins Wasser

In der zweiten Jahreshälfte wäre Lukas Thoeni in New York gewesen. «Ich bekam ein Stipendium für fünf Monate.» Künstlerinnen und Künstler, die ein Auslandstipendium erhalten, haben meistens viele Jahre darauf hingearbeitet. Nun kann Thoeni nicht hinfliegen, aber er konnte den Aufenthalt zumindest auf das nächste Jahr verschieben. «Weil ich dachte, ich würde in den USA sein, nahm ich hier keine Auftritte für 2020 an.» Er habe noch ein paar Musikunterrichts-Stellvertretungen an der Zürcher Hochschule der Künste, «diese Gehälter werden aber natürlich am Schluss ausbezahlt.»

Renommiert und vielseitig

Dennoch: Lukas Thoeni lässt sich nicht unterkriegen. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen und dies zu Recht. Denn gemeinsam mit einer Handvoll anderen gehört er zu den renommiertesten- und vielseitigsten Trompetern der Schweiz. «Ich glaube, es gibt hierzulande keine Band, bei der ich nicht schon mitgespielt habe», lacht er. «Ausser bei Patent Ochsner.» Mit Büne sei er zwar öfter auf der Bühne gestanden, «er hat aber seine eigene, feste Bläser-Section.» Nach vielen Jahren mit der Musik – Thoeni übt täglich mehrere Stunden – nutze er die Zeit, um darüber nachzudenken, was er in seinem beruflichen Leben noch wolle. Klar, er wolle auf dem Instrument fit bleiben, «dennoch frage ich mich, ob das alles war, einen Teil der Bläser-Section zu sein. Ich habe mehr zu sagen, als nur richtig Trompete zu spielen.» So begreift der Musiker die Krise als Zeit, «die Dinge neu und richtig anzugehen». Dadurch habe er die unbewusste Erschöpfung des dauernden musikalischen «im Einsatzseins» ablegen können. «Diese Situation birgt für mich viel Potenzial.»

Der Berufsmusiker war jahrelang mit Seven und Philipp Fankhauser unterwegs, wird für Pop, Soul, Rock und Funk engagiert. Sein Repertoire ist immens. «Wenn eine Band sparen muss, sind die Bläser die ersten, die über die Klinge springen.» Er sagt es ohne Bedauern. «Wir Bläser müssen enorm flexibel sein, stets in neue Kontexte hüpfen.» Genau deshalb sei die Krise für ihn die Chance, «die mich längerfristig beruflich vielleicht in eine andere Richtung abzweigen lässt.» Die Krise zeige auch, dass nicht nur das wegfallende Gehalt ein Problem für Künstlerinnen und Künstler sei, sondern auch die fehlende Anerkennung. «Ich habe mich stets dagegen gewehrt, dass der Applaus der Lohn jener sei, die sich auf der Bühne exponieren. Schliesslich lebt niemand von Wertschätzung allein.» Nun sehe er allerdings doch, dass ihm das Publikum fehle. «Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst erfahren. Die Anerkennung ist eine sehr wichtige Triebfeder, um an der Sache dran zu bleiben. Wohl mehr, als sich manche eingestehen.» Deshalb liessen sich so viele Kulturschaffende zu Beginn ihres Berufslebens wohl auch auf dieses finanziell unsichere Leben ein, das die Kunst mit sich bringe. «Sie tauschen die finanzielle Sicherheit gegen eine Art von Freiheit, die aber nicht weniger Arbeit bedeutet.»

Kürzlich wurde die CD, «Reflections / Live at Haberhaus», die im vergangenen Jahr mit dem Saxofonisten Christoph Grab aufgenommen wurde, auf die Bestenliste des «Preises der Deutschen Schallplattenkritk 2020» gesetzt. Eine Anerkennung, wenn auch ohne sichtbares Publikum.

www.instagram.com/lukas.thoeni/
www.anuklabel.com

Swiss Jazz Orchestra

Das Swiss Jazz Orchestra ist die meistbeschäftigte professionelle Big Band der Schweiz. Den Kern seiner Aktivitäten bildet eine wöchentliche Konzertserie im Bierhübeli Bern, die jeweils von Mitte Oktober bis Ende Mai läuft und etwa 30 Konzerte umfasst. Inklusive aller externen Engagements hat das SJO bereits über 700 Auftritte hinter sich. Daneben tritt das SJO mit Projekten verschiedenster Stilrichtungen auf, welche auf bisher 11 CDs dokumentiert sind. Das SJO verfügt über mehr als 1000 Arrangements und Eigenkompositionen von Bandmitgliedern. Für seine Verdienste wurde das SJO 2010 mit dem grossen Kulturpreis der Burgergemeinde Bern ausgezeichnet.

www.swissjazzorchestra.ch

 

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