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Kìzis’ Album ist eine aufregende Melange von Powwow, Techno und 90er-Pop.© ZVG
Dampfzentrale, Bern

Es fühlt sich so gut an

Der Star Kae Tempest, aber zum Beispiel auch Kìzis: Künstler*innen mit und ohne 
Pronomen besuchen das Saint-Ghetto-Festival. Mit beglückender und verblüffender Musik jenseits der Genres und viel Lust am Leben, trotz allem.

Im Sand liegen weggeworfene Masken und leere Bierdosen, Blätter und alte Geister treiben im bösen Wind. Es riecht nach Salz und altem Frittenöl hier an dieser «Salt Coast». Und es regnet. Tempests Stimme weicht nicht von der Seite der kleinen Menschen dieser Insel in der backsteinernen Starre. Während Kae Tempest vor einem treibend-nachdenklichen Beat den ganzen Dreck der gerade ziemlich unwirtlichen britischen Landschaft aufzählt, blickt sie*er doch ab und an hinaus auf den offenen Horizont. Tempests Lyrik entgeht so auch nicht das Gurgeln, das zu einem Lachen anschwillt und sich unter all der Frustration einen Weg in eine Zukunft bahnt.

Nicht alle werden dabei sein können, wenn die*der Poet*in die gross
artige Überwinterungs-Hymne in die Dampfzentrale bringt.

Ein feierliches Ja

Schon seit Wochen ist ihr*sein Auftritt, mit dem das diesjährige Saint-
Ghetto-Festival eröffnet, ausverkauft. Warum also überhaupt davon schreiben? Vielleicht, weil Tempest ein so offensichtlich stimmiger Einstieg ist und viel darüber erzählt, was in den vier Tagen atmosphärisch zu erwarten ist. Auch wenn es kein übergeordnetes Motto gibt – das Saint-Ghetto-Festival, seit jeher hochsensitiv für kulturelle und politische Stimmungslagen, gibt einer Reihe von musikalischen Aufbrüchen Raum, die, trotz allem, von der Lust zu leben getragen sind. Einige der geladenen Künstler*innen haben wie Kae Tempest Outing und Namenswechsel hinter sich.

So wie die kanadische Künstlerin und Multiinstrumentalistin Kìzis. Die two-spirited trans Person gehört der First Nations der Algonquin an und hat unlängst ihr schon fast Saga-
haftes zweites Album «Tidibàbide / Turn» herausgebracht, das verblüfft, und das nicht nur wegen der dreieinhalb Stunden Laufzeit seiner insgesamt 36 Tracks. Kìzis, was so viel heisst wie Sonne, liess die Auseinandersetzungen um Körper und Identität, Ängste und den Schmerz ihrer Biografie musikalisch auf dem ersten Album «Kijà / Care» und unter dem Namen Mich Cota zurück. Der Grundton auf «Tidibàbide / Turn» ist nun eine geradezu feierliche Bejahung der eigenen Existenz, beispielhaft im 13-minütigen Song «Run», der eine frühe Erinnerung von Kìzis aufleben lässt: das Gefühl, ein Körper zu sein und loszurennen, einfach so. Streicher, Bläser und der Gesang bauen sich auf, wie ein Brustkorb, der sich beim Luftholen weitet, bis in der dritten Minute ein technoides Herzrasen einsetzt: «It feels so good to run», heisst es im Refrain, den Kìzis schon als Kind gesungen haben soll, als sie an der Seite eines Freundes durch die Felder vor Ontario rannte.

Aufbruch mit Geschwistern

Was in den Bann zieht, ist das Gefühl, unterwegs mit Kìzis eine Vielfalt an Stimmungen und Erfahrungen zu durchleben, die szenisch disparat und doch atmosphärisch aufeinanderbezogen auftauchen, um sich unvermittelt wieder auf- und abzulösen. Da sind die Schläge der indigenen «heart drum» auf dem Opener «Dawema», frenetischer Elektro und Kìzis experimentelle Vokalisierungen auf «Amanda», aber auch 90er-Pop im Dancefloor-tauglichen «In our House». Kìzis liess fast 60 Künstler*innen an dem ungebändigten Projekt teilhaben – Owen Pallett von Arcade Fire ebenso wie den trans Jazzmusiker Beverly 
Glenn-Copeland oder eine befreundete trans Person aus Lima. «Love is what keeps me alive», heisst es so mantrahaft auch im hymnischen Song «Side of the Road», in dem Kìzis dem Schmerz einer unerwiderten Liebe den Rücken kehrt. Ihre Musik ist ein sehr persönlicher und intimer Aufbruch zwischen Clubmusik und Powwow-Gesang, der gleichzeitig alle mitnimmt, die der Hunger auf Leben, trotz und gerade wegen allem, eint. In Bern wird Kìzis mit vier Musiker*innen auftreten.

Ist der Reim Zufall?

Ein paar Grade exzentrischer und definitiv mit einem Hang zur Kürze präsentiert sich Bully Fae Collins, queere*r Künstler*in und Performer*in aus Los Angeles, mittlerweile nach Berlin übersiedelt. Der minimalistisch-rohe, oft nervenaufreibend aufgepitchte Rap auf dem nur 21-minütigen Album «Defy a Thing to Be» ist recht verschmitzt. Die Songs heissen «Elevator Pitch» oder «Fuckery Bitch». Ist es Zufall, dass sich das reimt? Zu durchschauen ist wohl nicht alles. Ein Kritiker auf der Musikplattform «Pitchfork» meinte einst, dass die «focused randomness» am besten in einer Live-Performance rüberkomme. «A dreamlike punk-drag show that tells stories of queer empowerment» nennt Bully Fae Collins selbst das, was auf der Bühne vor sich geht. Am besten einfach hingehen und überraschen lassen.

Namenswechsel fürs Festival

Apropos überraschen: Das Saint-Ghetto-Festival selber findet zum letzten Mal unter diesem Namen statt, ein Wechsel sei auch hier angezeigt, beide Begriffe seien historisch und politisch problematisch. Beim letzten Gespräch mit einem der Veranstalter war der neue Name noch unbestimmt. Am Festival wird er verraten.

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