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Chrigu Stuber vor der Ahnengalerie der Mühle Hunziken. Davor zu sehen ist das alte Mühlenrad, das zu einem Tisch verarbeitet wurde.© Christof Ramser
Mühle Hunziken, Rubigen

Er lässt die Palme weiterblühen

Es sind keine einfachen Zeiten für Kulturinstitutionen. Auch den Betrieb der Mühle Hunziken in Rubigen hat das Coronavirus stillgelegt. Der neue Geschäftsleiter Chrigu Stuber hofft, dass das legendäre Konzertlokal bald wieder öffnet, damit er das Erbe des Gründers Mühli-Pesche weiterpflegen kann.

Wenn der Anblick einer Palme bedeutet, dass man in einer Oase angelangt ist, dann passt das Sinnbild zur Mühle Hunziken wie zu kaum einer anderen kulturellen Stätte in der Region. Für den langjährigen Betreiber Peter Burkhart alias Mühli-Pesche war es «die letzte Insel vor der Autobahn», und wer das Areal betritt, fühlt sich wie in einer sorgsam kultivierten Brocante. Am Mühlebach beziehungsweise an der Giesse liegt – umgeben von alten Bäumen und einer Weide –, ein Riegelhaus im Stil einer typischen Berner Mühle. Es ist neben der Kirche Kleinhöchstetten eines der ältesten Gebäude der Region und wurde erstmals 1480 erwähnt. Unter einer schmiedeisernen Palme im Garten plätschert ein Brunnen, rundherum drapiert sind Kunstgegenstände, an den Wänden hängen zahlreiche Emailschilder. Eine schwarze Hand zeigt auf den Eingang, über dem das Jahr 1837 steht. Ein Jahr zuvor war das Gebäude abgebrannt, doch die Grundmauern überdauerten die Jahrhunderte.

Chrigu Stuber öffnet die Tür, durch die unzählige Konzertgängerinnen und Musiker aus aller Welt schritten. Seit einem Jahr arbeitet der Solothurner in der Mühle Hunziken, seit September ist er Vorsitzender der Geschäftsleitung – und durchlebt derzeit seit den rund 20 Jahren, in denen er Konzerte veranstaltet, die turbulen­teste Zeit. 21 geplante Shows mussten aufgrund des Anlassverbots im Zuge des Coronavirus verschoben werden, andere wurden gleich ganz abgesagt. «Ich hätte nie damit gerechnet, dass die Veranstalterszene in derart kurzer Zeit so hart getroffen werden kann», sagt Stuber. Viele in der Kulturbranche befürchten fatale Folgen für ihr Geschäft. Obwohl der Staat finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt hat, weiss Stuber derzeit noch nicht, wie sich die Krise auf die Mühle Hunziken auswirken wird. Für die getroffenen Massnahmen des Bundesrats zeigt er aber vollstes Verständnis: «Die Gesundheit geht vor.»

Auf die Nase gefallen und viel gelernt

Eine Welt ohne Konzerte könne er sich nicht vorstellen, sagt Chrigu Stuber und setzt sich an einen der diversen Holztische im verwinkelten Lokal. Er bezeichnet sich als grossen Musikfan – sicherlich auch geprägt durch sein Elternhaus. Vater Ruedi Stuber ist Liedermacher und gehörte von 1972 bis 1981 zu den Berner Troubadours, trat mit Bernhard Stirnemann, Ruedi Krebs und Markus Traber auf, seltener mit Fritz Widmer und Jacob Stickelberger. Später probte er mit seinen Mitmusikern zu Hause, wo die beiden Söhne mit der Musik in Berührung kamen – und bis heute damit verbunden blieben. Noch immer ist Chrigu Stuber für das Programm des Openairs Etziken zuständig, manche Bands betreut er auf ihren Schweizer Tourneen seit vielen Jahren.

Der Mittdreissiger erzählt von der Plattentaufe der Berner Band Open Season diesen Februar und schlägt den Bogen dann weit zurück: Open Season war eine der ersten Bands, die er in seiner Karriere für ein Konzert gebucht hat. Anfang der Nullerjahre veranstaltete er zusammen mit sieben Freunden in der Turnhalle im solothurnischen Riedholz «Rock- und Ska-nächte». Zweimal pro Jahr boten sie der Jugend aus den umliegenden Dörfern Konzerterlebnisse. «Wir hatten am Anfang weder Ahnung von einem Budget noch von Auflagen wie einem Wirtepatent oder Freinachtbewilligungen und gingen recht blauäugig an die Sache heran», sagt der 35-Jährige und lacht. Statt auf sozialen Medien zu werben, drückten sie den Maskierten an der Fasnacht einen Flyer in die Hand und klebten die Wände mit Plakaten voll. Nachdem die letzten Töne jeweils verklungen und die Besucherinnen und Besucher verschwunden waren, blieben sie in der Halle, bauten die Bühne ab, putzten und brachten den Schlüssel am nächsten Morgen auf die Gemeindeverwaltung zurück. «Wir machten alles selber und lernten dadurch enorm viel.»

2003 führte der Verein in sechs Gemeinden Vorausscheidungen für Nachwuchsbands durch. Am Final in der Kulturfabrik Kofmehl war die grosse Halle des bekannten Solothurner Konzert­lokals ausverkauft. Damit war der Grundstein für Stubers professionelle Veranstalterkarriere gelegt. Ab 2005 half er im Büro des Kofmehls mit, managte bald die ersten Anlässe und wurde schliesslich zum Programmchef. Daneben schloss er das Studium der Geografie und der Pädagogik an der Universität Bern ab. Dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen kann, habe er lange nicht realisiert. Wie so viele andere in der Veranstalterbranche ist er ein Quereinsteiger. Gerade im Rock- und Popbereich seien diplomierte Kulturmanager die Ausnahme. Viele starten ihre Karriere in jungen Jahren als ehrenamtliche Helfer – und sammeln so wertvolle Felderfahrungen. Dazu gehöre es, so Stuber, hin und wieder auf die Nase zu fliegen.

Gesamtkunstwerk an der Autobahn

Gerade in so einem vielschichtigen Betrieb wie der Mühle Hunziken, wo Mühli-Pesche vieles auf unkon­ven­tionelle Weise ausprobierte, leuchtet dies ein. Neben grossen Namen wie AstorCPiazzolla, Miriam Makeba, Gilberto Gil oder Randy Newman liess dieser immer wieder unbekannte Bands auftreten. In 35 Jahren begrüsste der Gründer um die 15 000 Musikerinnen und Musiker, viele von ihnen sagte er auf der kleinen Bühne persönlich an. Um Billette zu reservieren, musste man auf den Telefonbeantworter sprechen, Burkharts Frau Pia schrieb die Namen von Hand auf und bediente die Kasse.

In Rubigen angefangen hatte Mühli-Pesche als Produzent von Futtermehl. Nachdem der Marktpreis stark gesunken war, schaffte er sich hunderte Schweine an – und wurde zu seinem besten Kunden. Letztlich musste er den Betrieb schliessen – nicht ohne vorher ein Abschiedsfest zu organisieren. Es war der Auftakt zu 3000 Konzerten, und allmählich füllte sich das Haus mit einem Sammelsurium an Gegenständen und Figuren. Noch immer macht die Ausstattung den etwas verschrobenen Charme der Mühle Hunziken aus.

2011 wanderten Peter und Pia Burkhart nach Südwestfrankreich aus. Danach sollte Philipp Fankhauser den Betrieb übernehmen – der notabene einmal für 17 Jahre Hausverbot hatte. Eine externe Schätzung des Hauses ergab einen Wert von drei Millionen Franken. Nachdem der Bluesmusiker die Summe nicht aufbringen konnte, kam es zum öffentlich ausgetragenen Streit; in die Gerichtsverfahren war auch Burkhalters Sohn Thomas involviert. 2015 sprangen schliesslich die zwei alternativen Pensionskassen Gepabu und Coopera in die Bresche. Sie kauften die Mühle Hunziken, um diese als Konzertlokal im bisherigen Rahmen zu bewahren und der Betreibergesellschaft langfristig zu vermieten. Man respektiere Mühli-Pesches Gesamtkunstwerk, sagte Gepabu-Geschäftsführer Urs Mataré damals. Doch drei Wochen, nachdem der Rechtsstreit bereinigt war, die Streitparteien die Klagen fallen gelassen hatten und Mühli-Pesche seinen Ruhestand geniessen wollte, verstarb der 72-Jährige am Weihnachtsabend 2014 an einem Herzversagen.

Der Anruf im Schneesturm der Anden

«Natürlich hatte ich Respekt davor, die Mühle zu übernehmen. Pesche hinterliess grosse Fussstapfen und hat Unglaubliches erschaffen», sagt Chrigu Stuber. Inzwischen war er vom Kofmehl zum grossen Konzertveranstalter Good News weitergezogen. Dort verantwortete er Mega-Shows von Rammstein in Luzern oder den Toten Hosen im Zürcher Hallensta­dion. Bald leitete er bei Good News die Teams der Projektleitung und der Promotion. «Ich merkte aber, dass für mich die kleinen Club-Shows viel spannender sind als die riesigen Produktionen, wo man im Auftrag von peniblen Buchhaltern Auftragsbestätigungen und Quittungen für die hinterletzte Schraube zusammensucht.»

Auf dieser Stufe sei es ein Business, in dem es um sehr viel Geld gehe und wo man kaum mehr Kontakt mit dem Pub­likum oder den Musikerinnen und Musikern habe. «Die gros­sen Veranstalter gehören mittlerweile alle internationalen Grosskonzernen. Da ist nicht mehr viel Rock ’n’ Roll dabei», sagt Stuber, der mit den Musikern nach dem Auftritt gerne noch ein Bier trinkt. Überraschend kam im Oktober 2018 ein Anruf aus Rubigen. Stuber hatte sein Pensum bei Good News reduziert und war mit seiner Freundin auf Weltreise. Nach einem Himalaya­trekking in Nepal und Stationen in Südostasien, Australien und Zentralamerika waren sie in einem Gebirgstal mitten in den Anden zwischen Chile und Argentinien angekommen, als während eines Schneesturms und bei schlechtem Mobilfunkempfang das Handy klingelte. Stuber verstand, dass die Mühle Hunziken eine Nachfolge für Geschäftsführer Christoph Fankhauser suche, der kommenden September pensioniert werde. Der Weltenbummler schlief zwei Nächte darüber und entschied sich, zum Traditionsclub ins Aaretal zu wechseln.

Vermehrt jüngeres Publikum anlocken

Über 40 Personen stehen auf Stubers Lohnliste, von denen jedoch viele im Stundenlohn an der Bar oder der Kasse arbeiten. Zu 100 Prozent angestellt ist neben dem Geschäftsleiter noch Tom Binggeli, der seit 25 Jahren für die Technik zuständig ist und sich liebevoll um den Unterhalt der Mühle kümmert. Dazu kommen eine Köchin, eine Wirtin, ein Buchhalter sowie Stubers Vorgänger Christoph Fankhauser als Teilzeitangestellte. Im Vergleich zu den Veranstaltungskonzernen schätzt Stuber die kurzen administrativen Wege in der Mühle, wo man viel bewegen könne. Neben den bewährten Stilen Classic Rock und Blues möchte er das Programm öffnen, neue Nischen schaffen und unter anderem vermehrt jüngeres Publikum anziehen – ohne dass das Mühle-Programm den roten Faden verliert. So feierten vergangenes Jahr zum Beispiel Lo und Leduc drei Plattentaufen vor ausverkauften Rängen mit jeweils 550 Gästen.

Für die Zukunft sei es unabdingbar, dass vermehrt unter 30-Jährige den Weg an die Autobahnausfahrt Rubigen fänden, sagt Stuber. Jene, die zum ersten Mal dort sind, fotografieren mit ihren Handys jeweils das ganze Haus – vom Dinosaurier unter dem Dach mit Mühli-Pesches rotem Schal zwischen den Zähnen bis hinunter zu den ebenfalls einfallsreich eingerichteten Toiletten – und dürften dereinst zurückkehren. Dass es sich lohnt, die ohnehin schon grosse Stilvielfalt aufzufächern, zeigte die zweite Hälfte der Saison 2019, in der die Mehrheit der Konzerte ausverkauft war.

Im Geist des Gründers

Gemäss den Auflagen der Gebäudeversicherung dürften die Betreiber 800 Personen in die Mühle einlassen, doch man ziehe die gemütliche Atmosphäre einem vollgepferchten Lokal vor, sagt Stuber. So sei gewährleistet, dass sich manche Gäste weiterhin in ihrer Lieblingsecke verkrümeln und die Konzerte auf einem der zahlreichen Bildschirme verfolgen oder den ganzen Abend ungestört Billard spielen könnten. Das Stammpublikum bleibe ein wichtiger Pfeiler. Darunter seien viele Gäste aus der Romandie oder aus dem Wallis und sogar eine Gruppe aus Paris, die alle paar Wochen für einen Besuch in der Mühle Hunziken ins Bernbiet reise.
Auch den Musikerinnen und Musikern will Chrigu Stuber im Geiste des Gründers ein guter Gastgeber sein. Backstage gibt es passend zum rustikalen Charme des Hauses jeweils eine Hobelplatte mit Würsten und Käse. Wie Peter Burkhart wohnt er zwar nicht in der Mühle, sondern fährt oft in seine Wohnung nach Solothurn. Für die Nächte zwischen den Konzerten hat er in Rubigen ein Zimmer gemietet.

«Wir versuchen, den Charme und den Geist der Mühle zu bewahren und hüten uns davor, das einzigartige Haus stark zu verändern», beschreibt Stuber seinen Grundsatz. «Und falls Mühli-Pesche sieht, wie sein Werk weitergeführt wird, hoffe ich, dass es ihm gefällt.»


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