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Musikerin Afi Sika Kuzeawu und Musiker Kenny Niggli.© Martin Bichsel/Jennifer Scherler

«Die kreative Energie wird massiv sein»

Kenny Niggli ist Keyboarder des Electroduos Biandapid, das soeben den Förderpreis der Musikförderung Bern erhalten hat – Die in Bern lebende Musikerin und Sängerin Afi Sika Kuzeawu hat Ende April ihr Debütalbum «Nubu» veröffentlicht und mit der Single «Xexe Sia» einen Videoclip zur Coronazeit gedreht. Hier tauschen sie sich aus.

Kenny Niggli: Du hast vergangenen Freitag dein Debütalbum veröffentlicht. Vieles, was sonst zu einem Release gehört, ist nicht möglich. Warum hast du dich entschieden, «Nubu» jetzt zu veröffentlichen und nicht zu verschieben?

Afi Sika Kuzeawu: Das Album ist für mich ein Meilenstein, und ich wollte es spätestens im April rausbringen. Das war mir wichtig, auch um danach weiterzugehen. Darüber hinaus sah ich den Lockdown als Chance. Da offline wenig passiert und die Läden zu sind, dachte ich mir, dass die Menschen entschleunigen, aufnahme­bereiter und online-affiner werden. So machte eine Online-Veröffentlichung absolut Sinn. Den physischen Release inklusive Konzert und CD-Pressung werde ich nach der Krise nachholen, ich bin froh, dass mein Label das mitmacht. Ferner finden gerade die Themen, die ich in meiner Musik anspreche, mehr Gehör, und wir befinden uns weltweit in einem gemeinsamen Kontext, den jeder versteht und auf den ich mich beziehen kann: Das erste Stück des Albums zum Beispiel, «Xexe Sia», thematisiert die Connection und Solidarität unter allen Menschen. Ich hatte vor dem Lockdown ganz andere Pläne für das Musikvideo, doch die Botschaft hätte nicht passender und wichtiger sein können als jetzt.

KN: «Nubu» ist ein abgeschlossener Meilenstein, du beginnst ein neues Kapitel in einer Zeit des Stillstands. Woher nimmst du nun deine Inspiration? Wie nutzt du deine Zeit?

ASK: Ich tanze mehr. In meiner Heimat Togo ist Musik ohne Tanz nicht vorstellbar und vice versa; es kann auch einfach ein innerer Tanz sein. Vieles, auch der Stillstand, ist eine Inspiration, sofern ich es bewusst aufnehme. Sonst investiere ich gerade Zeit in meine neue Live-Interviewshow «ASK» auf Instagram, die darauf abzielt, Menschen einem neuen Kreis vorzustellen, damit sie dort für andere eine Inspiration sein können.

KN: Du sprichst Streaming an. Streaming-Konzerte sind gerade hoch im Kurs. Können diese für dich ein richtiges Konzert ersetzen, werden sie die Musikwelt nach der Krise prägen?

ASK: Ich glaube nicht, dass Live­stream-Konzerte ein gleichwertiger Ersatz werden können, weil die physische Anwesenheit fehlt. Ich hätte zum Beispiel im Sommer mit einem togolesischen Musiker am Festival Jazz à Vienne in Frankreich gespielt, da wird eine Streaming-Fassung schwierig, weil wir das erste Mal zusammen gespielt hätten. Wie Streaming nach der Krise aussehen wird, hängt davon ab, wie sich das Bewusstsein der Menschheit entwickelt hat. Entweder hat sich das Bedürfnis nach physischer Anwesenheit verstärkt, weil diese so gefehlt hat, oder man schwärmt für das neu Entdeckte. Eines ist jedoch sicher: Wir werden eine Ressource mehr haben als bisher; eine Karte mehr, die wir ziehen und je nach Situation einsetzen können.

ASK: Ich habe in eure Musik reingehört und finde es beeindruckend, wie sie dynamisch aufgeht. Ausserdem strahlt sie – was ich von elektronischer Musik normalerweise nicht erwarte – viel Wärme aus. Woher kommt die ästhetische Inspiration?

KN: Ich bin gerührt! Jeder Track basiert auf einer freien Improvisation. Dadurch entstehen wohl Imperfektionen, die die Musik menschlich-warm klingen lassen. Natürlich werden die Tracks minutiös produziert und bei Tracks mit Sängerinnen und Sängern die Vocals komponiert, der Vibe und musikalische Entscheidungen bleiben aber unverändert. Wir lassen uns von unseren musikalischen Hintergründen inspirieren: ich von elektronischem Jazz, Hip-Hop und Soul, Fabian von Pop, Afrobeat, Funk und der Balkanmusik. Vor Biandapid hörten wir elektronische Musik vor allem in Technoclubs. Künstler wie Bonobo, Nils Frahm, Kiasmos, Max Cooper und Stephan Bodzin sind wohl unsere Lieblinge. Langsam macht sich auch eine Liebe für den klassischen Bläsersatz als Klangkörper breit.

ASK: Wie wirkt sich der Lockdown auf dich aus, jetzt wo sämtliche Konzerte und Festivals abgesagt wurden?

KN: Auch wir müssen vieles umdenken, um trotz allem irgendwie auf Trab bleiben zu können. Das Video zur kommenden Single hätte eine gross angelegte Produktion mit vielen Statistinnen und Statisten und einem Mock-Filmset werden sollen, nun wurde es ein Kleinstdreh mit fünf Menschen, natürlich mit allen Massnahmen. Ich habe Mühe damit, bis auf Weiteres auf keiner richtigen Bühne stehen zu können. Das wäre ja der Sinn des Musikerlebens. Auch ist es natürlich sehr schade: Im März hätten wir im Dachstock und am Barbière-Jubiläum gespielt und im Juli würden wir am Gurtenfestival spielen. Vieles, was gerade anlief, wurde abrupt angehalten und in die Ungewissheit gezwungen. Zudem steht die Arbeit mit unseren anderen Bandprojekten still. Die Produktion unseres Debütalbums ist etwas harzig, da wir normalerweise einen Grossteil der Arbeit zu zweit, in einem Raum zusammen spielend, machen. Zurzeit tauschen wir uns vor allem online aus. Trotzdem gilt es, produktiv zu bleiben. Den Waldbühne- Contest und den Förderpreis der Musikförderung für unser Album gewonnen zu haben, gibt uns dabei viel Antrieb und Purpose. Auch bin ich froh, dass mein letzter Gig vor dem Lockdown eben am Waldbühne-Contest in der Mühle Hunziken war – eine schöne Erinnerung. Und ich freue mich auf das Ende. Die kreative Energie wird massiv sein.

www.bysika.com
www.biandapid.com

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