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Kent Stetler bei einem Auftritt mit dem Gospelchor Liebefeld im Juli dieses Jahres.© ZVG

Der kanadische Jazzsänger von nebenan

Seine Stimme schmust sich durchs Ohr ins Gehirn und setzt dort die Denkfähigkeit schachmatt: Kent Stetler ist ein brillanter Jazzsänger, ein charismatischer, nonchalanter Entertainer, der mit Udo Jürgens und Pepe Lienhard unterwegs war, mit Michael Bublé, Al Jarreau und vielen anderen auf der Bühne stand.
Das Hardstudio in Winterthur: Die CD «Las Vegas» der Sinatra Tribute Band soll aufgenommen werden. Der kanadische Jazzsänger Kent Stetler wird Sinatras Songs einsingen. Nein, «nix billiger Abklatsch und tausendmal gecovert»: Die Journalistin dieser Zeitung ist vor Ort, sieht und hört zu. Stetler ist ein Profi, durch und durch. Gut vorbereitet, bescheiden, zurückhaltend – unter Freunden. Authentisch, nonchalant auf der Bühne. Seine Stimme klingt anders als die des 1998 verstorbenen Sinatra und das ist gut so. Sie fährt aber ebenso unter die Haut.

Seit Jahren interpretiert der 46 Jahre alte, in der Nähe von Toronto ge­borene Künstler Klassiker mit seiner eigenen, modernen Auffassung, mit entwaffnendem Charme und Charisma. Sein warmes, vielschichtiges Timbre und sein feines Gespür für swingende Phrasierung berühren, genauso wie seine lässige Bühnenpräsenz, sein zurückhaltender Schalk und sein humorvolles Entertainment. Aber nicht nur Sinatra-Songs interpretiert Stetler. Auch jene von Elton John, Stevie Wonder, Elvis Presley und Tom Jones. Energiegeladen, grossartig. Und stets mit einem witzigen, mehr oder weniger klugen Spruch auf den Lippen. Ein eleganter Entertainer, der sich viel erlauben kann und darf auf der Bühne, weil das Publikum bereit ist, seinem frech-unschuldigen Charme fast alles zu verzeihen. Oder besser: von dem gar erwartet wird, zu sein, wie er ist.

So zum Beispiel auf der Bühne der Mühle Hunziken in Rubigen. Oder auf jener des Kunsthauses Interlaken, wo Stetler, gemeinsam mit der Zürcher Jazzsängerin Brigitte Wullimann, als Leadsänger der Sinatra Tribute Band auftritt. Jedes Konzert hinterlasse ein fröhliches Publikum. Manche junge Frau schluckt, manche ältere bedauert, keine Tochter zu haben. Denn Stetler ist zwar ein gestandener Mann in der Lebensmitte, gleichzeitig aber auch der Junge von nebenan. Ewig jugendlich, fröhlich, gut gelaunt. Echt kanadisch eben.

 

Mit Udo Jürgens und Pepe Lienhard

Doch nochmal zurück ins Tonstudio. Genauer: In die Küche des Tonstudios. Noch nippt Kent Stetler an seinem Kaffee. Ausser Bandleader Sandro Häsler kennt er noch nicht viele vor Ort, lächelt scheu. Im Wortsinn. Denn «scheu» steht für Schüchternheit und Wildheit zugleich, genauso wie das französische «sauvage». Eine faszinierende Kombination. Und genau so wird Stetler später, während der folgenden Konzerte mit der Band, auf der Bühne stehen: Mit dieser unverschämten Mischung aus scheu wirken und selbstsicher sein.

Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Stetler stand zig weitere Male auf der Bühne. Jedenfalls bis im vergangenen März. Denn, als noch niemand etwas vom kulturellen Axthieb durch Corona wusste, zog er mit Pepe Lienhard durch Europa. Und zuvor, als Udo Jürgens noch lebte, war er während zehn Jahren mit ihm unterwegs, auch auf dessen letzter Tournee im Jahr 2015. Stetler trat mit anderen Grössen wie Michael Bublé oder Al Jarreau auf. Mit Herbie Hancock, Angelique Kidjo oder Mick Hucknall (Simply Red).

Auch mit Polo Hofer stand Stetler auf der Bühne. «Ich hatte es stets lustig mit Polo», sagt er. «Ich habe an einem seiner letzten Auftritte ein Duett mit ihm gesungen.»

Lockende Liebe

Seit dem 14. Mai 1996 lebt Stetler in der Schweiz. Damals war er 22 Jahre jung. «Die Liebe hat mich in die Schweiz gelockt», sagt der bekennende Romantiker, der sich einst zum Rettungstaucher ausbilden liess. Natürlich nicht hauptberuflich. «Ich habe mich seit jeher der Musik verschrieben», sagt er. Schliesslich studierte er bereits in Ottawa an der Universität Musik, absolvierte für «Up with People» Praktika als Tontechniker, war Chorleiter und Public-Relations­Manager. «Heute ist es die Liebe zu meiner Freundin Jeannine, die mich vom Bleiben überzeugt.» Dazwischen liegen viele Jahre. In Bern angekommen, absolvierte Stetler erst die Jazzschule. Erste Gesangs-Erfahrungen sammelte er im Kirchenchor. Das Klavierspielen brachte er sich selbst bei. Wie auch Saxophon, Gitarre spielen und Songs schreiben. Stetler ist als Platten-Produzent tätig, dirigiert einen Gospelchor und fungiert als Gesangslehrer.

Bühne, Radio, Fernsehen – und Vater

RTL engagierte den Kanadier für seine Samstagabendshow «Let’s Dance» und bot ihm die Chance, vor einem Millionenpublikum aufzutreten. In den RTL-Studios lernte er den Musiker Eric Benét, Ex-Mann von Halle Berry kennen, sein grosses Vorbild. «Das Kompliment, das Benét mir machte, vergesse ich nie  …» Er habe gesagt: «You are a great singer and showmaster!». Dies habe ihn damals bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Heute ist Stetler Vater einer Tochter. Riley ist gerade sieben Monate alt geworden. Gemeinsam mit Freundin Jeannine Marti und dem Baby, empfängt er die Journalistin in der hellen Wohnung in einem Bauernhaus in Rüfenacht. Riley lacht, schäkert, charmiert. Würde die Besucherin nicht fürchten, der jungen Mama Unrecht zu tun, so würde sie denken: «Ganz Vaters Tochter…» Stetler: «Riley ist einfach ein Wunder.» Der Künstler in ihm leide zwar unter dem Lockdown und dessen für Kulturschaffende und Kulturliebende – «dies wird oft vergessen» – enorm harten Konsequenzen. Für den Vater in ihm aber sei die Zeit daheim bereichernd. «Ich wäre sonst oft unterwegs und würde meine Tochter viel weniger sehen.» So sehe er das Positive: er könne so die Zeit mit seiner Familie geniessen. «Ich durfte dabei sein, als Riley das erste Mal lächelte, darf dabei sein, wenn sie den ersten Schritt allein machen wird.» Dass dies bald der Fall sein wird, ist klar. Denn das aufgeweckte Mädchen krabbelt bereits überall hin, zieht sich hoch – und lacht in die Welt. «Riley ist ein unglaublich pflegeleichtes Kind», so Marti. Und tatsächlich: Als sie die Kleine ein paar Minuten später schlafen legt, hört man kein Glucksen, keinen Pieps: Riley schläft, bevor die Mama das Zimmer verlassen hat. Auch nachts schlafe sie sehr gut, so Stetler. «Manchmal, wenn ich im Fernsehen schlimme Sachen sehe, die auf der Welt geschehen, möchte ich am Liebsten mein Kind aus dem Bettchen heben und es die ganze Nacht in den Armen halten, um ihm nahe zu sein und es vor all dem Bösen zu beschützen.»

Sehnsucht nach der Familie

Seine eigene Familie indes hat Stetler eine lange Weile nicht mehr gesehen. «Darunter leide ich schon etwas.» Wahrscheinlich werde es Mitte 2021, bis er wieder mal heim fliegen könne. «Auch für meine Eltern ist dies natürlich nicht einfach.» Er habe vor, mit seiner Freundin und seiner Tochter nächsten Sommer dafür länger in Kanada zu bleiben. «Meine Familie wird sich freuen, Riley endlich kennenzu­lernen.» Ja, manchmal habe er schon Sehnsucht nach Kanada. «Mein Vater lebt vier Gehminuten vom längsten Süsswasserstrand der Welt entfernt», schwärmt er. «Ich war nun zweieinhalb Jahre nicht mehr daheim.» Zur Musik sei er vor allem durch seine Eltern gekommen. «Mein Vater spielte Klavier, ich sang schon in der Highschool.» Seine Eltern hätten sich scheiden lassen, als er ein Jugendlicher gewesen sei. «Ich brauchte Abwechslung. Die Musik half mir, darüber hinwegzukommen.» Ausser den Eltern hat
Stetler noch zwei Brüder und eine Schwester. Sie leben alle in Übersee.

Liebe auf den ersten Blick

Langweilig wird es Stetler jedenfalls nie. Denn selbst, wenn es an Auftrittsmöglichkeiten mangelt, so gibt es doch genug Arbeit: Der Voll­blut­musiker- und Sänger unterrichtet an der Jazzschule in Bern. Vor knapp zehn Jahren machte er sein Lehrdiplom für Maturitätsschulen im Fach Musik an der Pädagogischen Hochschule Bern und den «Master of Arts in Music Pedagogy» an der Hochschule der Künste Bern. An der Universität Bern studierte er ausserdem Musikvermittlung. Selbstverständlich hat er längst sein Diplom für Gesang in der Tasche: «In der Stilrichtung Jazz mit Vertiefung in Performance.» Er war Musiklehrer in Basel und Burgdorf, Gesangslehrer in Langenthal und übernimmt Stellvertretungen als Musiklehrer in der Volkschule, an Gymnasien oder Fachschulen in der ganzen Schweiz. Er dirigierte und leitete den Gospelchor Liebefeld. «Dort lernte ich Jeannine kennen», sagt Stetler.

Zurzeit ist Stetler auch von der Kirchgemeinde Belp angestellt. Was tut ein Popmusiker in der Kirche? «Ich begleite Gottesdienste mit Klavier und Gesang, leite den Popchor und betreue Jugendgottesdienste.» Kein Zweifel: Eine Riesenbereicherung für die Belper Jugend.

Fantastische A-cappella-Show

Stetler hat ein neues Projekt: «a-live» nennt sich die a-cappella-Gruppe, bei der er seit zwei Jahren leidenschaftlich dabei ist. Ganz in Comedian-Harmonist-Manier: Gesang und Comedy. «Wir haben die Schweizer Nationalhymne eingesungen. Sie ist wunderbar geworden. Sehr eigen.» Stetler überlegt: Es klinge ein bisschen nach Gotthard, nach Stefanie Heinzmann. «Wir haben für unsere neue Show im Jahr 2021 zum ersten Mal einen Regisseur mit an Bord. Die Songs arrangieren wir jedoch alle selber.» Er freue sich auf die grosse Weihnachtsshow mit dem Namen «Santastic 2.0», die am 23. Dezember im Käfigturm Bern stattfinden werde.

Und sonst, welche Leidenschaften hat Stetler ausser der Musik? «Hast du sie nicht gesehen, als du hergefahren bist», fragt dieser zurück. «Unter dem Vordach der Garage steht sie.» Mit «sie» meint er seine neue Liebe: Eine 1200-Harley. «Ich bin gerade dabei, die Prüfung zu machen.»

Wenn Stetler auf dem Motorrad genauso versiert ist wie auf der Bühne, dann kann nichts passieren. Und falls er doch mal etwas zu nonchalant unterwegs sein sollte, dann hat er ja noch seinen betörenden Charme.

Und hoffentlich auch ein bisschen das Gefühl der grossen, weiten Welt, damit er, bis im nächsten Sommer, die Weite Kanadas nicht allzu sehr vermissen muss.

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