mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Oli Kehrli, Lehrer, Psychologe, Barkeeper, Boxer, Chansonnier – studiert Recht.© ZVG

Barkeeper, Boxer und Chansonnier

Oli Kehrli spielt in seinem neuen Album «Vierti Rundi» aufs Boxen als Sinnbild des Lebens an. Das Kämpfen im Ring ist eine von vielen Leidenschaften, die den Berner antreiben.

Mit 14 Jahren griff Oli Kehrli erstmals zur Gitarre. «Ich hatte verschiedene Idole.» So hat ihn etwa Farin Urlaub von der Band Die Ärzte beeindruckt. Gemeinsam mit ein paar Freunden gründete Kehrli die Band D.A.T. – Die abgefuckten Turnschuhe. Doch heute, 30 Jahre später, kennt man den Berner nicht als Punkrocker, sondern als Chansonnier, der auch sanfte Töne anschlagen kann.

Etwa im Duo mit dem Fussballer und Musiker Guillaume Hoarau, mit dem zusammen er das Lied «Les passantes» von Georges Brassens auf Französisch und Mundart neu interpretiert. Der berndeutsche Part stammt vom Berner Troubadour Bernhard Stirnemann. Er hatte den französischen Text kurz vor seinem Tod übersetzt. Kehrli versteht das Duo mit Hoarau als Hommage an Stirnemann.

Ziehvater Stickelberger

Auch mit einem anderen Chansonnier dieser Generation fühlt sich der 44-Jährige eng verbunden. Der 79-jährige Jacob Stickelberger gehört seit 1966 zu den Berner Troubadours, deren berühmtestes Aushängeschild Mani Matter war. Stickelberger ist für Kehrli so etwas wie ein Ziehvater.

«Bereits meine Eltern hörten die Musik der Berner Troubadours.» Er selber besuchte rund 30 Konzerte der Liedermacher. An seinem 30. Geburtstag luden Kehrlis Freunde Jacob Stickelberger als Überraschungsgast ein. Dieser tauchte tatsächlich auf und spielte ein Konzert. Am Ende streckte er Kehrli die Gitarre entgegen und bat ihn auf die Bühne.

«Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet und legte los», erinnert sich Kehrli. Am nächsten Tag habe er von Stickelberger eine Mail bekommen, die er bis heute behalten hat. «Bleib dran, dann wirst du ein grosser Chansonnier werden», hatte ihm der Troubadour geschrieben. Mittlerweile zähle er den älteren Kollegen, der ihm oft Feedback zu Texten gegeben habe, zu seinen Freunden.

Zurück im Ring

Die Stickelbergerschen Einflüsse spüre man beim Aufbau seiner Lieder, so Kehrli. Doch der Chasonnier entwickelt seinen eigenen Stil ständig weiter und vergrössert sein Repertoire. Bei seinem ersten Album «We Meitschi Buebe …» (2010) liess er sich vom Kontrabassisten Tevfik Kuyas begleiten. Beim vierten Album mit dem Titel «Vierti Rundi» hat er nun eine ganze Band,unter anderem den Pianisten und Akkordeonisten Lukas Iselin zur Hand.

Eigentlich hätte die Plattentaufe des neuen Albums Ende Oktober im Bierhübeli stattfinden sollen, Corona-bedingt wurde sie nun auf Februar 2021 verschoben. «Vierti Rundi» spielt auf Kehrlis Boxleidenschaft an. Als Jugendlicher habe er im Boxkeller mit dem legendären Charly Bühler trainiert. Nun sei er in den Ring zurückgekehrt und habe festgestellt, dass der Keller immer noch gleich aussehe wie damals.

Das Cover des neuen Albums zeigt den Sänger mit einem blauen Auge. Eine ironische Übertreibung, denn Kehrli bevorzugt sogenanntes Gentlemen-Boxing, bei dem keine harten Schläge auf den Kopf ausgeteilt werden. Das Boxen sei ein Sinnbild fürs Leben. «Man muss sein Gegenüber spüren, sich der Situation stellen und erkennen, wann es passt, um ein Solo an den Tag zu legen. Verstecken bringt nichts.»

Es sind denn auch existenzielle Themen, die Kehrli auf seinem vierten Album umtreiben. In «Dr letscht Schnuf» sinniert er über den Tod. Den Spanner haut es weg vom Fenster, der Stromer wird vom Schlag getroffen und die Schlangenfrau erwürgt sich gleich selber. Am Ende des Liedes bleibt der Wunsch, er möge selbst noch nicht seinen letzten Vers gesungen haben.

Grosse Liebe YB

Erstmals präsentiert Kehrli auch Lieder in französischer Sprache. In «La dépendance» besingt er eine schwierige Trennung und seine Erfahrungen mit Abhängigkeiten. Vor zwei Jahren ist er aus der gemeinsamen Wohnung an der Junkerngasse ausgezogen, die er mit seiner damaligen Partnerin, der Violinistin Gwendolyn Masin, geteilt hat. «Für mich war klar, dass ich in der Altstadt bleiben werde.» Mittlerweile wohnt der Barde in der Kramgasse.

Wer sein erstes Album kennt, weiss, dass seine am längsten andauernde Liebe jedoch nicht einer Frau, sondern dem Fussballclub YB gilt. In seinem Song «Liebesbekenntnis», der auch schon im Wankdorfstadion erklang, verleiht der Sänger seiner lebenslangen Leidenschaft für den Lieblingsclub Ausdruck. «Ich stamme aus einer Fussballerfamilie.» Sein Vater hat während vieler Jahre den FC Schwarzenburg präsidiert, beide Brüder sind Profi-Fussballer geworden. Er sei oft mit seinem Vater ins altehrwürdige Wankdorf gegangen und habe die dortige Atmosphäre aufgesogen. «Das waren schöne und emotionale Momente.»

Zirpegigu und Stäcketöri

Anfangs war, neben YB und Frauen, auch übermässiger Alkoholkonsum und dessen Folgen Leitmotiv in Kehrlis Liedern. In den neueren Stücken geht es zunehmend um die verschiedenen Facetten des Lebens und um dessen Unberechenbarkeit. Während 13 Jahren hatte Kehrli als Barkeeper in der Bar Adrianos gearbeitet. Sein Lieblingsdrink? «Ich würde einen Old Fashioned bestellen.»

Während des Nachtlebens habe er viele verschiedene Menschen, darunter auch manchen Freak, kennengelernt. «Dies war sehr bereichernd und hat mich aus meiner Bubble herausgeholt.»

Ursprünglich hat Oli Kehrli das Lehrerseminar abgeschlossen, später an der Universität Bern Psychologie studiert und mit knapp 40 Jahren als zweites Studium Rechtswissenschaft in Angriff genommen. Er sei nun im Masterstudium angelangt, führt er aus.

Seit fünf Jahren lebt Kehrli von seiner Liedkunst. Als Kind hatte er in ein «Meine-Freunde-Buch» geschrieben, er wolle Bankräuber und Pfarrer werden. «Weil diese Pläne gescheitert sind, erzähle ich deshalb auf jedem Album einen Pfarrerwitz.» Witze erzählen hatte bereits bei den Berner Troubadours Tradition, ebenso wie das Benutzen urchiger Ausdrücke.

Er möge die berndeutschen Begriffe «Zirpegigu» und «Stäcketöri». «Zirpegigu» sei ein alter Ausdruck aus der Stadt Bern, um seinem Gegner zu sagen, er sei etwas beschränkt. «Es bedeutet so viel wie Trottel, Idiot oder Armleuchter», erklärt Kehrli. «Stäcketöri» – das sage man hingegen, wenn man überrascht sei. Es bedeutet: Das kann doch nicht wahr sein!  Passt irgendwie zur Weltlage.

www.olikehrli.ch

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden