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Das Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern bringt «Neues Uferland» nach Bern.© ZVG
Französische Kirche, Bern

Kompass ist die Sehnsucht

Am Konzert «Neues Uferland» singt das Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern Werke über Heimatlosigkeit und Sehnsuchtsorte und reist dazu durch musikalische Epochen. Das Konzertprogramm umkreist dabei auch die aktuelle Weltlage.

«An den Strömen von Babel, da sassen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten», heisst es wehmütig im ersten Teil des Psalms 137, «An den Wassern zu Babel». Er beschreibt die Sehnsucht der verschleppten Juden im Exil nach ihrer Heimat Jerusalem. Zahlreiche Komponisten vertonten den biblischen Text.

Heimatlos unterwegs

Einige davon stimmen die Sänger*innen des Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern am Konzert «Neues Uferland» an. Wie Komponisten aus unterschiedlichen Epochen die Heimatlosigkeit und Orte der Sehnsucht zum Motiv ihrer Musik machten, darum kreist das 80-minütige Konzert unter der Leitung von Ulrike Grosch.

Die Vertonungen von Giovanni Pierluigi da Palestrina und Philippe de Monte erklingen gleich zu Beginn dieses Aufbruchs ins Sentimentale. Mit Kurt Thomas spannt das Ensemble den Bogen von der Alten Musik zur Spätromantik. Thomas vertonte den rachedurstigen Teil des Psalms: «Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast. Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an einem Stein», heisst es darin.

Im KZ komponiert

Einen Sprung ins 20. Jahrhundert unternimmt «Neues Uferland» im zweiten Teil, in dem das Vokalensemble jüdischen Komponisten eine Stimme verleiht. Einer davon ist Viktor Ullman. Der Pianist und Komponist schrieb ab 1942, in Gefangenschaft im Konzentrationslager Theresienstadt, jiddische Volkslieder. Diese würden heute selten aufgeführt, sagt Ulrike Grosch, man kenne sie kaum. «Man spürt aus ihnen das Bedürfnis, Erinnerungen Raum zu geben. Im Komponieren konnte er dem Lageralltag entfliehen.» Ullman wurde 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordet.

Den Romantikern, den Experten der Sehnsucht schlechthin, gehört schliesslich der letzte Teil des Konzerts. Neben Schumanns Hoffnung auf ein friedvolleres Jenseits im Stück «Vier doppelchörige Gesänge» ertönt auch Gustav Mahlers klangvolles, neunstimmiges «Um Mitternacht», das von nächtlicher Einsamkeit handelt.

Mit «Neues Uferland», das die Chormusik mit Orgelwerken (gespielt von Freddie James) verbindet, will Ulrike Grosch durchaus auch die aktuelle Gemüts- und Weltlage treffen: «So viele Menschen befinden sich auf der Flucht, man hat das Gefühl, die Welt ist aus den Fugen.» Ihr Befürfnis sei deshalb gewesen, ein Programm zusammenzustellen, das beim gemeinsamen Singen und Hören einen Raum der Zuflucht schaffe, auch wenn es nur ein vorläufiger sei.

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