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Die «anarchische, emotionale Naturgewalt» Patricia Kopatchinskaja: «Wir müssen die Töne befreien.» © ZVG

«Ich bin, wie ich bin, und kann nicht anders»

«Die Partitur ist kein Gesetzbuch, eher ein Himmel voller Sterne»: Patricia Kopatchinskaja ist eine der bekanntesten Violinistinnen der Gegenwart und in der ganzen Welt unterwegs. Ihre Wurzeln reichen von der Schweiz über Österreich bis nach Moldawien. Hierzulande fasziniert sie das aktive politische Mitdenken der Schweizerinnen und Schweizer – und «die am besten funktionierende Demokratie der Welt».

Patricia Kopatchinskaja, Sie sind eine der berühmtesten Violinistinnen Ihrer Generation, sind in den grossen Konzertsälen der Welt zu Hause, stehen mit den Klassikstars von heute auf der Bühne. Aber kaum jemand weiss, dass Sie in Bern wohnen. Sind Sie gut im Verstecken? Oder trifft man Sie auch auf dem Märit oder im Quartierladen an?
Natürlich, im Hallerladen, in der Apotheke, in der Migros, im Glatz für die Torte, im Reinhard für die Züpfe und im Tschirren für die Pralinés (leider selten, wegen der Linie). Und ich jogge regelmässig im Bremgartenwald.

Sie sind, liest man, eine moldawisch-österreichisch-schweizerische Musikerin. Haben Sie wirklich drei Nationalitäten? Und wie kommt es, dass Sie als Moldawierin ausgerechnet in Bern gelandet sind?
Ich bin österreichisch-schweizerische Doppelbürgerin. Die bernische Lebensart hat etwas mit der moldawischen gemeinsam; man ist fern der Grossstadt und mit lebendiger Verbindung zur ländlichen Kultur, alle kennen einander. Was mich an den Schweizern aber vor allem fasziniert, ist ihr aktives politisches Mitdenken – und natürlich ist die Schweiz die weltweit am besten funktionierende Demokratie.

Sie stammen aus einer Musikerfamilie. Ihre beiden Eltern waren in Moldawien bekannte Volksmusikanten. Erinnern Sie sich an die Volksmusik Ihrer Kindheit? Spielt sie in Ihrem heutigen musikalischen Alltag eine Rolle?
Natürlich erinnere ich mich, ich habe ja oft dazu getanzt. Und die Klassik ist voller Volksmusik, die ich immer auch volksmusikalisch hervorzubringen versuche.

Wie halten Sie es mit der Schweizer Volksmusik, dem Ländler?
Da gibt es einen grossen Reichtum, denn es gibt nicht nur Ländler, sondern auch Zäuerli, Bödälä, Hackbrett, Alpsegen oder Jodel. Ich habe mit Interesse bemerkt, dass zum Beispiel der Appenzeller Volksmusiker Noldi Alder genau auf dieselben Widerstände trifft wie ich, wenn er etwas Neues ausprobieren will.

In Musikkritiken werden Sie mit Substantiven wie Virtuosin, Naturgewalt oder Tabubrecherin und Adjektiven wie anarchisch, radikal oder unangepasst charakterisiert. Treffende Worte oder Kritikergeschwätz? Wie sehen Sie sich selber?
Da kann ich nicht mitreden. Ich bin, wie ich bin, und kann nicht anders.

Wer Sie auf der Bühne erlebt hat, weiss zumindest, dass Ihre Konzerte immer ein emotionsgeladenes Erlebnis sind. Was treibt Sie an, dauernd in Bewegung zu sein, auch mal mitzusingen und die Partitur manchmal sehr frei zu interpretieren?
Die Partitur ist kein Gesetzbuch, es ist eher ein Himmel voller Sterne, die ich lese und den Zuhörern erzähle. Meine Rolle ist nicht die Notenabfolge zu liefern, sondern ihren Sinn immer wieder aufs Neue zu hinterfragen.

Von Ihnen stammt die Aussage: «Wir dürfen uns nicht sklavisch an die Partitur halten, wir müssen die Töne befreien.» Befürchten Sie nicht, dass Ihnen da ein Teil des Publikums wegbricht? Die Klassikfans gehen doch darum ins Konzert, weil sie immer wieder die gleichen liebgewonnenen Stücke hören wollen?
Man könnte ja auch die Gegenfrage stellen: Wird uns nicht das Publikum wegbrechen, wenn wir immer nur alte Stücke in gewohnter Interpretation wiederholen? Die Gefahr ist real, es passiert ja schon.

Im Zusammenhang mit Ihren Auftritten ist letzthin öfter von «inszenierten Konzerten» oder von «Performances» die Rede. Was versteht man darunter? Wollen Sie da bewusst die traditionelle Konzertform aufbrechen?
Es geht darum, Fragen aufzuwerfen und Sinnzusammenhänge herzustellen. Im Programm «Bye-Bye Beethoven» zum Beispiel haben wir die Frage gestellt, ob wir immer weiter immer nur Beethoven spielen wollen und sollen. Im Programm «Dies irae» fragen wir, ob die Umweltkatastrophe, die auf uns zurollt, uns wirklich nichts angeht.

Stört es Sie auch nicht, wenn man in Ihren Konzerten an den «falschen Stellen» applaudiert, etwa zwischen den Sätzen?
Nein, überhaupt nicht, etwa im Tschaikowsky-Konzert gehört das für mich fast dazu.

Während andere weibliche Klassikstars in High Heels auftreten, stehen Sie barfuss auf der Bühne. Eine Marotte? Eine Protestaktion? Oder einfach Bequemlichkeit?
Ich habe sowieso immer Angst, über die Rampe zu fallen, High Heels wären ein Alptraum. Aber eigentlich mag ich über dieses Thema nicht mehr sprechen.

Vor zwei Jahren haben Sie die künstlerische Leitung der Camerata Bern übernommen, eines Ensembles, das als das beste Orchester der Bundesstadt gilt. Was hat Sie gereizt, erstmals selber ein Orchester zu leiten?
Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Ensembles, aber die Camerata Bern war für mich etwas Besonderes, da ich da arbeiten kann, wo ich lebe; das ist für eine reisende Solistin eine unerhörte Seltenheit. Die Musiker dieses Ensembles sind exzellent, ich lerne sehr viel von ihnen und geniesse die Abwesenheit eines Dirigenten. Jeder Musiker denkt selber und trägt Mitverantwortung für das Geschehen, wie in der Kammermusik.

Ihre bisherigen Auftritte mit der Camerata haben dem Publikum gezeigt, dass da Neues auf sie zukommt. Sie setzen sich mit Ihren Konzerten für den Frieden, gegen die Umweltverschmutzung und überhaupt für eine gerechtere Welt ein. Kann Musik die Welt verändern?
Natürlich nicht. Wenn sie es könnte, hätten wir weniger Probleme.

Die sogenannte Gender-Debatte hat längst auch die klassische Musik erreicht. Sie sind seit 20 Jahren im Musikgeschäft, das auch heute immer noch eine Männerdomäne ist. Denken Sie, dass Sie es schwieriger hatten, weil Sie eine Frau sind? Oder sehen Sie sich eher als eine Art Vorreiterin für die Sache der Frau in der klassischen Musik?
Vom Gender-Problem habe ich persönlich wenig gemerkt; ich kann mich nicht über einen Mangel an Chancen beklagen.

Sie leben seit 20 Jahren in Bern. Bern ist zwar Haupt-, aber nicht Weltstadt. Erwägen Sie manchmal, in eine der grossen Musikmetropolen wie Wien, Berlin oder New York zu ziehen?
Grossstädte haben ihren Reiz, aber solange mein Leben so hektisch ist, kehre ich gern an einen ruhigeren Ort zurück. Ausserdem ist meine Familie in Bern.

Insgesamt ist bis heute rund ein Dutzend Violinkonzerte für Sie komponiert und von Ihnen zur Uraufführung gebracht worden. Wie muss man sich das vorstellen? Sitzen Sie mit einem Komponisten zusammen und sagen ihm, wie Sie das gerne hätten? Oder kommt eines Tages eine fertige Partitur, die Sie, ob Sie Ihnen gefällt oder nicht, zur Uraufführung bringen?
Ich sitze nie vorher mit dem Komponisten zusammen, ich will ihn nicht stören. Ich äussere höchstens generell den Wunsch nach eher kleiner Besetzung – und dann ist es tatsächlich eine Überraschung, wenn die Partitur kommt.

In normalen Zeiten sitzen Sie dauernd im Flieger und spielen in den angesagten Konzertsälen der Welt. Seit März ist das Konzertleben weltweit fast vollständig zum Stillstand gekommen. Wie kommen Sie durch diese unwirkliche Zeit? Sehen Sie auch Positives, etwa im Sinne eines kreativen Neudenkens? Oder ist man quasi nicht mehr Musikerin, wenn man nicht auf der Bühne stehen kann?
Ich hatte Glück und konnte von August bis Oktober doch ziemlich viele Konzerte spielen. Zum Beispiel in Gstaad, Salzburg, Stuttgart, Hamburg. Dabei sass ich mehr im Zug als im Flieger und hoffe, dass das so bleibt.

Ihr Konzertkalender ist wie immer auf Jahre hinaus gefüllt. Die gesundheitliche Zukunft scheint im Moment aber ungewisser denn je. Wie gehen Sie damit um? Warten Sie geduldig zu Hause? Oder denken Sie sich Corona-gerechte Konzert-Formate aus?
Ich hoffe, dass bis Mitte 2021 eine Impfung wieder eine Normalisierung bringt.

Sie komponieren ja auch, haben sogar ein Violinkonzert für sich selber geschrieben. Haben Sie die Corona-Zeit auch zum Komponieren genutzt? Können Sie uns schon verraten, auf was wir gespannt sein dürfen?
Ich habe auch komponiert und Corona-bedingt ein Soloprogramm erarbeitet und mehrmals aufgeführt. Auch habe ich die Zeit für das Editieren von schon aufgenommenen CDs genutzt: Duos mit Sol Gabetta (Cello) und Schönbergs «Pierrot lunaire». Dann haben wir eine neue Aufnahme mit Reto Bieri (Klarinette) und Polina Leschenko (Klavier) gemacht, diese drei CDs sollten alle nächstes Jahr herauskommen.

www.patriciakopatchinskaja.com

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