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Zeitgenössiche Musik, ganz ohne Barrieren für Menschen mit Behinderungen: Das ist für Tabula Musica Zukunftsmusik.© Ruben Hollinger

Bühne frei für alle

Musiker*innen mit Behinderungen treffen auf unzählige Barrieren: Im Kunstbereich ist vieles nicht für sie gemacht. Anders bei Tabula Musica. Das Orchester macht vor, wie Inklusion geht – und wie spannend sie klingt.

Viele Projekte entstehen im stillen Kämmerlein. Nicht so beim Orchester Tabula Musica. Da begann es im Winter 2016 mit einer Parade mitten durch Bern, mit Konzerten im Progr, beim Kornhaus und dem Creaviva im Zentrum Paul Klee. Die Musiker*innen der Truppe spielten Geige, E-Gitarre oder Klarinette. Ein Instrument stach besonders heraus: Eine Künstlerin mit durch Cerebralparese eingeschränkter Motorik erzeugte Töne mit einem Würfel mit fünf programmierbaren Knöpfen, dem sogenannten Skoog.

Ein Orchester, bestehend aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, bewegte sich durch Bern: So etwas gab es zuvor noch nie. Nicht in Bern, nicht in der Schweiz. Organisiert hatten den Auftritt der Musiker Denis Huna und die Sonderpädagogin Nadine Schneider im Rahmen des Projektes «Jetztabr!», zusammen mit dem Atelier Rohling, Creaviva, der Heiteren Fahne und Beweggrund. «Alle waren von diesem Erlebnis und von der Begeisterung des Publikums bereichert. Wir wollten weitermachen», sagt Nadine Schneider. Das Orchester Tabula Musica war geboren, diverse Auftritte der zehn Musiker*innen folgten seither. Im vergangenen Sommer etwa spielten sie ein Streaming-Konzert mit dem Sinfonieorchester Biel Solothurn, in dem die zwei Orchester Filmmusik von «Tron: Legacy» (2010), der Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers, interpretierten.

Ein für diesen Herbst geplanter Auftritt mit der Berner Popband 
Jeans for Jesus wurde pandemiebedingt verschoben.

Mit Blinzeln Töne erzeugen

Seit bald vier Jahren befindet sich der Proberaum von Tabula Musica in den Vidmarhallen. Hier probt das Orchester alle zwei Wochen. Daneben unterrichtet der musikalische Leiter Denis Huna die Musiker*innen wöchentlich auch einzeln. Die Wände sind mit Schallschutzplatten abgedichtet. Die Akustik sei nicht ideal, der Standort Tür an Tür mit anderen kreativen Projekten aber schon, meint Nadine Schneider. Im Raum verteilt sind Kabel, Verstärker, Notenständer, Stühle. Hinzu kommen Geräte und Instrumente, die eher unbekannt sind: Da ist der genannte Skoog, aber auch ein Instrument bestehend aus verschiedenen «Pads» und «Beams», die auf Bewegungen programmiert werden können und deren Form an eine Taschenlampe erinnert. So kann zum Beispiel bereits ein Blinzeln einen Ton auslösen. Soundbeam nennt sich das Gerät, welches es seit Anfang der 90er-Jahre gibt. Der kanadische Künstler Ari Kinarthy brachte es mit dem Gerät zur Meisterschaft. Er komponiert ganze Cellostücke für Orchester und spielt sie, indem er auf der Bühne im Rollstuhl herumkurvt.

Accessible Music Technology nennt man die Instrumente, die sich an die individuellen Bedürfnisse ihrer Spieler*innen anpassen. «Als wir vor bald sechs Jahren begannen, staunten wir, dass es diese Geräte seit Jahrzehnten gibt. Durch die digitalen und elektronischen Entwicklungen kommen laufend neue dazu. Warum gibt es sie an kaum einer Musikschule?», fragt sich Nadine Schneider.

Normkörper als Massstab

Kim Pittet lernte nie ein Instrument. «Ich bin ehrlich gesagt immer davon ausgegangen, dass mir dies nicht offensteht. Ich wuchs auf dem Land auf, die Möglichkeiten waren schlicht nicht bekannt.» Pittet arbeitet seit Mai dieses Jahres im siebenköpfigen Team von Tabula Musica, das die Proben und Orchesterauftritte koordiniert und organisiert, aber auch Aufbau- und Aufklärungsarbeit leistet. Von klein auf ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. «Es gibt viele Barrieren, die Menschen mit Beeinträchtigungen hindern, musikalisch tätig zu sein», weiss sie aus eigener Erfahrung. Damit meint sie nicht nur den Mangel an geeigneten Instrumenten und geschulten Lehrer*innen. Es beginne bei grundlegenden Dingen wie fehlenden Rampen im Orchester- und Theaterbereich. Kaum eine Bühne sei schwellenfrei. «Die Bühne vergisst Menschen mit Behinderungen noch immer oft.»

Diese räumlichen Schranken seien Ausdruck der unbewussten Vorstellung, dass Menschen mit Behinderungen nicht wirklich Kunst machen könnten, vermutet sie. So gebe es zwar zahlreiche Musikangebote – aber vorwiegend im Bereich Therapie. «Man traut Menschen mit Beeinträchtigungen kein Talent zu. Wenn sie auftreten, findet man es herzig, aber noch immer werden sie als Künstler*innen nicht ganz ernst genommen», bringt Pittet es auf den Punkt. Dies sei einer Gesellschaft geschuldet, die Menschen an der Leistungsfähigkeit ihrer Körper messe, wobei der sogenannt nichtbehinderte Körper die Norm und Messlatte bilde. Ableismus nennt sich diese strukturelle Bevorzugung von Menschen mit Normkörpern, gerade im Musikbereich sei diese noch immer stark spürbar, stellt Pittet fest.

Zukunftsmusik

Dagegen will Tabula Musica angehen: «Nicht jeder und nicht jede ist Künstler*in – aber ob jemand musisch begabt ist oder nicht, hängt nicht von einer körperlichen Norm ab», sagt Kim Pittet. Jede Person solle eine Chance haben, es zu versuchen.

«Unsere Forderung ist klar: Begabte Künstler*innen mit Beeinträchtigungen sollen Raum und Anerkennung bekommen», fährt Nadine Schneider fort. Will heissen: Es soll Normalität werden, dass Musikschulen auf deren Bedürfnisse eingehen, es soll normal werden, dass Bühnen rollstuhlgängig sind. Es soll normal werden, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen gleiche Chancen auf Künstler*innenförderung, Ausbildung und Karrieren haben. Sie sollen an Auditorien teilnehmen können. Und sie sollen selber als Dozent*innen unterrichten.

Genau zu diesem Ziel organisierte Tabula Musica im vergangenen Oktober gemeinsam mit der Hochschule der Künste Bern die dreitägige Tagung «Zukunftsmusik». Die HKB ist Vorreiterin in Sachen Inklusion, was die Schweizer Kunsthochschulen angeht. Seit 2016 ist sie Trägerin des Labels «Kultur inklusiv», das Einrichtungen auszeichnet, die hindernisfreien Zugang zu ihren Angeboten anstreben. Im Rahmen eines umfassenden Massnahmenplans bietet die HKB etwa im Bereich Weiterbildung zwei CAS-Studiengänge zum Thema Musikunterricht für Menschen mit besonderen Bedürfnissen an. Auch in der Musikvermittlung ist Inklusion re­gelmässig ein Thema. Zurzeit ist die HKB nun daran, schweizweit ein Netzwerk von Ausbildungsinstitutionen zu etablieren, wie Christoph Brunner, der Beauftragte für Chancengleichheit und Inklusion, erklärt. Es gehe hierbei vor allem um den Austausch von Best-Practice-Erfahrungen: «Die Vernetzung steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen.» Vieles geschehe bisher vor Ort, ohne dass man wisse, wie andere Institutionen Lösungen fänden.

Keine Schranken für Talente

Auch das Konsibern bemüht sich seit Jahren um Inklusion, viele Dozierende unterrichten Schüler*innen mit Beeinträchtigungen, sei dies im autistischen Spektrum, mit Gehbehinderung oder auch Sehschwächen, wie die Verantwortliche Saara Vainio sagt. Die Musikschule setzt auf individuelle Abklärungen: «Wir schauen jeweils sorgfältig, was ein Kind an Möglichkeiten und Interessen mitbringt, und suchen dann ein passendes Instrument – so, wie wir das eigentlich bei allen Schüler*innen tun.» Zudem laufen Unterrichts- und Bandprojekte gemeinsam mit Heimen und Institutionen. «Allerdings ist klar: Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen. Musik kann für alle Menschen eine so wichtige und schöne Ausdrucksmöglichkeit sein. Wir wollen sie allen zugänglich machen und möglichst viele Talente fördern.» Da sei aber definitiv noch mehr möglich. Etwa im Bereich von Accessible Music Technology oder der Zugänglichkeit zum schwellenreichen Altstadtgebäude. Darauf wolle man in den kommenden Jahren hinarbeiten.

Eine explizite staatliche Förderung der Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen im Hochschul- oder Musikbereich existiert heute noch nicht.
Zukunftsmusik erklingt aber bereits anderswo. In Grossbritannien wird explizit darauf geachtet, dass Künstler*innen mit Beeinträchtigungen bei der Vergabe von Förderprogrammen und Stipendien keine Diskriminierung erfahren, und die Queens University in Belfast erlaubt den Zugang zum Studium mit Accessible Music Technology ebenso wie die Amsterdam University of Arts. «Das Bewusstsein ist vor allem in der angelsächsischen Welt bereits viel grösser», sagt Kim Pittet.

Dann eben mit aufrechter Geige

Nicht zuletzt auch dank Aktivist*innen wie der US-amerikanischen Geigerin und Sängerin Gaelynn Lea. Die durch ihre Glasknochenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesene Lea brachte sich eine ganz eigene Art bei, Geige zu spielen. Sie hält sie wie ein Cello aufrecht und verstärkt ihr Spiel mit Loopgerät. 2016 gewann sie den renommierten Tiny Desk Contest des US-amerikanischen Radiosenders NPR. Spätestens seither gehört sie zu den bekanntesten Sprecherinnen von Musikschaffenden mit Beeinträchtigungen.

Bereits mehrmals war Lea bei Tabula Musica zu Gast, als Musikerin und Rednerin, zuletzt an der Tagung Zukunftsmusik. Dort sprach sie über das grosse kreative Potenzial von Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie rief dazu auf, Andersheit nicht als Hindernis, sondern als Möglichkeit neuer musikalischer Erfahrungen zu verstehen. Dem stimmen auch Nadine Schneider und Kim Pittet zu: «Lassen wir nicht zu, dass dieses Talent und diese Möglichkeiten verloren gehen.»

Ein weiterer Schritt ist gemacht. Tabula Musica ist daran, ein inklusives Orchester in Zürich auf­zubauen.

Dieser Text erscheint in Zusam­men­arbeit mit Journal B, dem Online-Magazin, das sagt, was Bern bewegt.

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