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«Max Richters Sleep» ist eine Doku über eine Komposition für Schlafende.© Norient/Max Richters Sleep
Diverse Kino und Orte, Bern

Vom Schlaflied zum Gurgeln der Aare

Neue Co-Leitung und neues Hören: Die 11. Ausgabe des Norient Film Festival setzt auf immersive Klang- und Bilderfahrungen – mit Filmen wie «Max Richters Sleep», aber auch mit live-vertonten «Audivisual journeys» vor Ort.

Acht Stunden, 24 Minuten und 21 Sekunden: So lange wie eine durchschlafene Nacht dauert «Sleep», das Opus magnum des deutsch-britischen Komponisten Max Richter. Das postminimalistische, nachtlange Schlaflied für Klavier, Synthesizer, elektronische Klänge, Streicher und eine Sopranstimme rührt mit niedrigen Frequenzen, lang anhaltenden Tönen und Repetitionen an das schlafende Bewusstsein. 2015 führte Richter es für Radio BBC erstmals zwischen Mitternacht und morgens um 8 Uhr auf. Vor einem Publikum, das während der Dauer des Werks im Radiostudio auf Liegen zuhörte – und träumte. Weitere nächtliche Aufführungen folgten rund um Globus. So etwa 2019 unter freiem Himmel im Grand Park von Los Angeles. 540 schlafende Menschen, Fremde, die sich nicht kannten, nahmen an der Open-Air-Performance teil, und ruhten Seite an Seite.

Die Filmcollage «Max Richters Sleep» dokumentiert das ungewöhnliche Projekt. Der Film fängt die Stimmungen, die Geräusche und die Stille ein, akustische und visuelle Eindrücke aus dem nächtlichen LA, aber auch Naturaufnahmen, die auf dem englischen Land entstanden. Mit den Gedanken, die Richter und seine Partnerin und Produzentin Yulia Mahr zum Projekt anstellen ebenso wie den Reaktionen spürbar bewegter Menschen, die die Performance in Los Angeles erlebten, fügen sich die dokumentarischen Fragmente zu einem meditativen audiovisuellen Essay.

30 von 300 Filmen

«Max Richters Sleep» ist einer der rund 30 Filme, die am diesjährigen Norient Film Festival zu sehen sind.

Der libanesische Filmkritiker Chafic Tabbara hat das filmische Programm zusammengestellt. Dazu sichtete er mehr als 300 Filme. Gemeinsam mit der Londoner Video- und Klangkünstlerin Rebecca Salvadori hat er mit dieser Ausgabe die künstlerische Leitung für das Festival übernommen, eine internationale und multidisziplinäre Programmgruppe begleitet sie. Die beiden treten dabei an die Stelle von Thomas Burkhalter. Der Begründer und bisherige künstlerische Leiter des Norient-Netzwerks wirkt im Hintergrund strategisch weiter: Die Erweiterung des Leitungsteams soll das inter- oder besser noch transkulturelle Projekt, das Musik, Performance und Film aus einer postkolonialen Sichtweise begegnen will, in die Zukunft führen, wie es in der Medienmitteilung heisst.

«Mein Ziel war, das Konzept von Musik, Kunst, auszuweiten. Ich suchte nach Filmen, die sich mit den Geräuschen der Welt und unseres Alltags befassen, die darüber meditieren, wie unser Leben klingt, was es bedeutet, zu hören oder nichts zu hören», erklärt Tabbara die Auswahl seiner Filme.

Dumpfe Leere der Taubheit

So ist auch der gefeierte «The Sound of Metal» von 2019 Teil des Programms, der am Zürich Film Festival im selben Jahr als bester interna­tionaler Film ausgezeichnet wurde. Das Filmdrama handelt von einem
Heavy-Metal-Drummer, der sein Gehör verliert. Den oscar-prämierten Soundingineuren von Regisseur Darius Marder gelingt es darin, Ton und Geräusche in all ihren Facetten, aber auch die dumpfe Leere der Taubheit erfahrbar zu machen.

Das internationale Filmprogramm zeigt aber auch die politische Dimension von Musik: So etwa im Dokfilm «Shut up Sona». Filmerin Deepti Gupta begleitet darin den alltäglichen Kampf der selbstbewussten und zunehmend wütenden Sängerin Sona Mohapatra, die sich im patriarchal dominierten Indien mit gericht­lichen Klagen wegen «Blasphemie und Obszonität» konfrontiert sieht – weil sie in einem Musikvideo angeblich anzügliche Kleidung trägt.

Während das Festival im vergangenen Jahr nur online stattfand, ist es dieses Jahr hybrid angelegt – viele Filme und andere Programmpunkte können gestreamt werden. Doch den Fokus legen Tabbara und Salvadori, die das Begleitprogramm an Konzerten, Performances und Talks kuratierte, auf analoge Formen. So sind bei Bee-flat im Progr «Audiovisual Journeys» in zwei Teilen mitzuerleben: In Block 1, dem «Synesthetic Lab», verschmelzen Videoessays und Klangfelder des Komponisten Sandro Mussida, von Musiker Luzius Schuler zur Aufführung gebracht, zu einem immersiven Gesamterlebnis. Block 2, «Wie ein Flusslauf», nähert sich mit Live-Performances des*der britischen Künstler*in Leah Walker und dem Berner Musik-Duo Ruth & Res Margot sowie dem Schlagzeuger Julian Sartorius der Allgegenwart der Aare im Leben der Berner*innen. Gezeigt werden ausserdem Videoarbeiten von Sartorius über die Aare. «Auch in dieser seltsamen Zeit der Pandemie, oder vielleicht gerade jetzt, ist die gemeinsame Erfahrung von Kunst und Kultur vor Ort wertvoll», meint Chafic Tabbara dazu. Er hoffe, diese könne stattfinden.

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