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Ahmad Tobasi im leeren Freedom Theatre, gefilmt mit rotierender Kamera. © Ronny Hardliz
Kino Rex, Bern

Theater als Waffe, Film als Zeuge

Der Berner Künstler Ronny Hardliz dokumentiert im ­Experimentalfilm «Unoccupied Territories I – And here I am» Leben und Arbeit des Schauspielers Ahmad Tobasi im Flüchtlingslager von Jenin. Zu sehen im Kino Rex.

Ahmed Tobasi befindet sich ganz alleine auf einer Bühne in einem leeren Theatersaal und spielt sein eigenes Leben nach: seine Kindheit im Flüchtlingscamp von Jenin, inmitten der Müllberge und der Armut, die wiederholten Verhaftungen seines Vaters, eines Freiheitskämpfers, seine erste Verliebtheit, seine eigene Zeit im Gefängnis – und wie er von dort auf die Bühne kam. Ahmed Tobasis Wandel vom bewaffneten Kämpfer zum Schauspieler steht im Zentrum des 30-minütigen Films «Unoccupied territories I – And here I am» (2020), bei dem der Berner Künstler Ronny Hardliz Regie führte. Hardliz arbeitete dazu mit einer rotierenden Kamera und montierte drei vertikale räumliche Bildabschnitte zu einem horizontalen Bild.

Boden in Rotation

Darsteller Tobasi ist in der Mitte des Bildes überpräsent, obwohl oder vielleicht gerade weil das Blickfeld sich verschiebt, rotiert, der Boden in Bewegung gerät und Tobasi den Bewegungen der Kamera zu folgen scheint.

«Die Frage der Beobachtung und des unsicheren Bodens steht im Zentrum der Arbeit», erklärt Hardliz. Er realisierte den Film gemeinsam mit dem Darsteller und dem Freedom Theatre, einem Kulturzentrum inmitten des Flüchtlingslagers von Jenin. Das Projekt ist auch ein Tribut an den jüdisch-palästinensischen Aktivisten und Theatergründer Juliano Mer-Khamis, der 2011 von Unbekannten ermordet wurde. «Mer-Khamis bezeichnete das Theater als Waffe, gewaltsam wie ein Gewehr», sagt Tobasi im Stück über seinen Mentor, der für seine Kunst sein Leben liess.

Autonome Kamera, besetztes Land

Als Hardliz 2016 Palästina bereiste, machte er im Kulturzentrum Halt. «Ich wollte herausfinden, wie ich als Aussenstehender durch meine Arbeit das Leben in einem besetzten Gebiet dokumentieren kann, auf Augenhöhe, ohne kolonialen Blick.» Die Antwort war, mit seiner scheinbar unbeteiligten, autonomen Kamera eine theatralische Selbstdarstellung des Lebens und Schaffens im Freedom Theatre zu filmen: «Einem gefühllosen Blick ausgesetzt zu sein, diesen nicht kontrollieren zu können, ist bezeichnend für unsere Zeit – und eine grundlegende Erfahrung von Vertriebenen und Menschen in besetzten Gebieten.»

Für das Kino Rex hat Hardliz nun die Filmreihe «Unoccupied Territories» zusammengestellt. Neben «And Here I am» ist Volko Kamenskys «Divina Obsesión» (1999) zu sehen, eine 28-minütige Kamerafahrt rund um Verkehrskreisel, sowie der 190-minütige Experimentalfilm «La région centrale» (1971), der die Bergregion des französischen Zentralmassivs mit autonomer Kamera festhielt. Daneben zeigt die Reihe Dokumentationen rund um das Projekt Freedom Theatre.

 

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