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Honor Swinton Byrne spielt Julie, die eigentlich genau weiss, was sie will, sich aber in eine Amour fou verstrickt.© ZVG
Kino Rex, Bern

Seinen Platz im Leben finden

Der geheimnisvolle Spielfilm «The Souvenir» von Joanna Hogg ist ein visuelles Meisterwerk mit zwei grandiosen Hauptdarstellern. Die Amour fou zwischen einer jungen Film­studentin und einem älteren Dandy ist ein intimes Stück Kino.

Veranstaltungsdaten

DO 13.08.2020 21.00
SA 15.08.2020 21.00
MO 17.08.2020 21.00
MI 19.08.2020 15.00

Manchmal muss man sich in jemand anderem verlieren, um sich selbst zu finden. Diese schmerzliche Erfahrung muss auch die junge Filmstudentin Julie im Film «The Souvenir» machen. Julie – Honor Swinton Byrne, die die Figur grandios vielschichtig zwischen verletzlich und trotzig spielt, ist eine Entdeckung – weiss, was sie will. Eigentlich. Doch als sie sich in den älteren, charismatischen Dandy Anthony verliebt, ist sie plötzlich nicht mehr so sicher, welches ihre Bedürfnisse sind, und merkt erst spät, wie sehr sie ihre eigenen Träume vernachlässigt.

Emanzipation vom behüteten Dasein

Die britische Regisseurin Joanna Hogg erzählt in ihrem auf allen Ebenen beglückenden Film ein Stück weit ihre eigene Geschichte. Auch sie verliebte sich als Filmstudentin im London der 80er-Jahre in einen älteren Mann, der sich als Diplomat ausgab. Und auch Anthony – grossartig verführerisch und manipulativ verkörpert von Tom Burke – gibt sich als ein Mann von Welt, bis sein dunkles Geheimnis ans Licht kommt und alles zerstört. «Hör auf mich einzuladen, dich zu quälen», sagt er einmal zu Julie, die aus gutem Haus kommt und von der er schliesslich auch finanziell abhängig ist.

Julie will einen Film über einen Working-Class-Jungen in einer Hafenstadt drehen, ein Thema, das so gar nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Es ist eine schüchterne Art von Rebellion, eine Emanzipation von ihrem behüteten Dasein. Tilda Swinton spielt Julies Mutter – sie ist auch die Mutter der Hauptdarstellerin –, die das Drama mit ansieht und mitleidet. Ihre Tochter, die ein privilegiertes Leben in einer Wohnung im vornehmen Stadtteil Kensington führt und eine renommierte Ausbildung geniesst, könnte ein sorgloses Leben führen, stattdessen lässt sie sich von einem arroganten Hochstapler einlullen, der ihr Selbstbewusstsein winzig klein werden lässt.

Wie aus der Zeit gefallen

Das Tolle an diesem Film ist, dass er nie urteilt. Im Gegenteil: die Anziehung zwischen diesen beiden grundverschiedenen Menschen, der Humor, der sie verbindet, das alles ist absolut nachvollziehbar, nicht zuletzt, weil man auch als Zuschauende dem seltsamen Charme von Anthony verfällt. Eine Meisterleistung von Burke.

Der intime und geheimnisvolle Spielfilm ist in verblichenen Bildern gehalten, die wirken wie aus der Zeit gefallen und genauso gut aus einem Kostümfilm, der im 18. Jahrhundert spielt, stammen könnten. Kammerspielartige Szenen, die teils auf Improvisation basieren, erzählen einfühlsam und aufwühlend von einer jungen Frau, die ihre Stimme findet.

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