mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Yvan Sagnet verkörpert im Film sowohl Jesus, der hier übers Wasser geht, als auch sich selbst als Aktivist.© Vinca Film

Jesus im Ghetto

«Das neue Evangelium» des Schweizer Filmemachers Milo Rau wurde in Matera gedreht und gibt dem Kampf für Gerechtigkeit eine Stimme. Der Film – eine Mischung aus Doku, Spielfilm und Making-of – läuft bald im Rex.

«Das kapitalistische System tötet», sagte Papst Franziskus vor sieben Jahren im italienischen Lampedusa. In einem Land, in dem knapp 30 Prozent der Bevölkerung jeden Sonntag die Kirche besuchen und in dem die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen kriminalisiert wird. «Das neue Evangelium» ist ein Hybrid aus Dokumentarfilm, Spielfilm und Making-of. Darin fragen sich Milo Rau und der kamerunische Polit­aktivist Yvan Sagnet, für wen Jesus heute kämpfen würde und wer ihm dabei zur Seite stünde. Sagnet hat den ersten europäischen Gerichtsprozess gegen zwölf Unternehmen erwirkt, die wegen Sklaverei angeklagt wurden.

«Wandel zur Würde»

Schauplatz des Films ist die italienische Stadt Matera, wo aufgrund der  uralten Architektur bereits Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson Filme über Jesus realisierten. Etwas ausserhalb der idyllischen Kulturhauptstadt mit ihren verschachtelten Häuschen: Slums ohne Strom und Wasser, bewohnt von Tausenden von Migrantinnen und Migranten, die auf Tomaten- und Orangenplantagen ausgebeutet werden. Eine Szene im Film zeigt den Schweizer Regisseur Rau («Das Kongo Tribunal», 2017), wie er in Matera eine öffentliche Präsentation zum Filmprojekt hält. «Ich merkte, dass ich nicht einen Jesusfilm wie Pasolini, der die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfs einspannte, machen kann, ohne die vorherrschenden sozialen Missstände einzubinden», sagt er dort. «Wenn ihr, wenn wir nicht für unsere Rechte einstehen, dann wird das niemand für uns tun. Dieser Kampf muss mit uns beginnen. […] Niemand kann unter solchen Bedingungen leben», skandiert Jesus im Film, verkörpert durch Sagnet, der im Jahr 2008 nach Italien kam und auf einer Farm arbeitete. Er spricht in den Ghettos zu den Ausgebeuteten, seinen Aposteln, wie er sie nennt, und fordert diese zum Streik auf: «Wir wollen Zugang zu richtigen Wohnungen, wir wollen Papiere, wir wollen ein Wandel hin zur Würde.»

Aus Sicht der Männer

Gemeinsam sind sie demonstrierend durch die Strassen gezogen und haben Tomaten im Supermarkt zertreten, bis sie von der Polizei gestoppt wurden, die anschliessend ganze Ghettos räumte.

Der eindrückliche Film, unterlegt mit ausladender klassischer Musik sowie kapitalismuskritischen Liedern des Cantautore Vinicio Capossela, geht weit über das Thema der Religion hinaus: Er ist eine weitgreifende Botschaft, die der Ungerechtigkeit eine Stimme gibt. Unverständlich bleibt hier einzig, weshalb in den 105 Minuten von «Das neue Evangelium» Frauen hauptsächlich Statistinnen sind, und nur ganz kurz eine einzige weibliche Stimme zu Wort kommt.

Ab 1.April in den Kinos
www.rexbern.ch

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden