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Feuer als Metapher für die willkürliche und brutale Gewalt, die im Film «Sin señas particulares» spannend thematisiert wird. © Trigon Film

Gewaltige Auslassung von Gewalt

Ruhe und Natur als Erzählmittel der Gewalt, statt explizite Bilder: Das überzeugende Spielfilmdebüt der Mexikanerin Fernanda Valadez, «Sin señas particulares», ist zu sehen im Rex Streaming.

Ein Stück Schokolade, dazu wird James Bond gefoltert, Coupe Dänemark in Kombination mit blutrünstigen Psychopathen-Morden wie in der Serie «Fargo» oder «True Detective». Am Sonntagabend läuft zum Nachtessen die Suche nach dem Mörder einer verkohlten «Tatort»-Leiche. Je mehr das Blut spritzt, je echter die Wunden und Qualen, desto besser – Gewalt im Film wird vom Durchschnittspublikum schnell verdaut.

Umso erschreckender also, wenn Gewalt das Thema des Films ist, aber konsequent nicht gezeigt wird. In «Sin señas particulares» – dem Debüt-
Langspielfilm der Mexikanerin Fer­nanda Valadez – ist genau das der Fall. Naturbilder sind zu sehen. Farbver­läufe am Sonnenuntergangshimmel. Seenlandschaften und karge Bäume. Das Zirpen der Grillen ist zu hören. Wie kann es Gewalt geben, wenn es solche Orte gibt? Und wie ist an so einem Ort Gefahr überhaupt erkennbar?

Suchende Mütter

Mittendrin in dieser nordmexikanischen Einöde stapft beharrlich eine alleinerziehende Mutter durch die Natur und sucht nach ihrem etwa 12-jähriger Sohn. Er wollte mit einem Freund in die USA arbeiten gehen, aber er ist seit zwei Monaten spurlos verschwunden. Ein Foto bestätigt den gewaltsamen Tod des besten Freundes. Ein Schicksal vieler, die auszogen, um ein gewaltfreies, selbstbestimmteres Leben zu finden. Und zurück bleiben die suchenden Mütter – weisse, gutausgebildete Augenärztinnen suchen genauso wie die Hauptfigur des Films, eine fast mittellose Frau indigener Abstammung, die kaum lesen und schreiben kann.

Willkür und Drohkulisse

Der Schnitt des am Sundance und Zürich Film Festival ausgezeichneten Films ist oft so gestaltet, dass Stimmen zu hören sind, bevor die Sprechenden zu sehen sind. Bild und Ton driften auseinander, was eine unangenehme Spannung erzeugt. Und genauso nimmt Regisseurin Valadez, die auch das Drehbuch mitverantwortet, das Thema Gewalt auf: Es ist fast nie sichtbar, aber dafür umso spürbarer, fast greifbar. Blicke von Polizisten auf Passagiere lassen einen erstarren, Aussagen über einen Ort, den man nie zu sehen bekommt, lösen Beklommenheit aus, eine verlassene Hütte auf einer Weide – alles wird zur Drohkulisse.

Valadez erweist sich als fähig im Umgang mit dieser Zweischneidigkeit, die schon im Titel anklingt: «Ohne spezielle Merkmale» - so wird die Leiche eines aus den USA abgeschobenen jungen Mannes im Film beschrieben. «Ohne spezielle Zeichen» wiederum könnte für die Willkür stehen, mit der in diesem nördlichen Landstrich seit Jahrzehnten über Leben und Sterben entschieden wird.

www.rexbern.ch
www.filmingo.ch

 

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