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Die selbstgebastelte Rakete als Mittel zur Realitätsflucht: Der 10-jährige Furkan im Wettbewerbsfilm «Wake Up On Mars».© ZVG

Flucht in die Fantasie

Die 51. Ausgabe des internationalen Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel findet dieses Jahr nicht in Nyon, sondern im Internet statt. Zu entdecken gibt es etwa das Porträt eines zweifelnden Liebespaares und das einer Flüchtlingsfamilie, die mit einer mysteriösen Krankheit konfrontiert wird.

 In Zeiten wie diesen ist ein Fenster zur Welt umso wichtiger. Ein Glück, dass das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon sein Programm – mit wenigen Ausnahmen – während der Festivaldauer online zur Verfügung stellt. Die Filme werden jeweils 24 Stunden lang abrufbar sein. Zudem gibt es Interviews mit Filmschaffenden und Online-Masterclasses, etwa mit der französischen Regisseurin Claire Denis oder der brasilianischen Filmemacherin Petra Costa, zu sehen. «Diese Ausgabe muss versuchen in einer Welt zu existieren, die – wie in einem Science-Fiction-Trashfilm – zu verschwinden droht, zum Schlechten für jene, die verschwinden, und zum Guten für die Hoffnung, dass sich die Menschheit vielleicht neu besinnt und ein Umdenken stattfindet», schreibt die künstlerische Leiterin Emilie Bujès im Editorial des Programmhefts.

Das Resignationssyndrom

Um eine Art Science Fiction geht es auch im nationalen Wettbewerbs­beitrag «Wake Up On Mars» der schweizerisch-kosovarischen Regisseurin Dea Gjinovci. In ihrem ersten langen Dokumentarfilm porträtiert sie den 10-jährigen Furkan und seine Familie, die als Flüchtlinge aus dem Kosovo in Schweden leben. Furkans beide älteren Schwestern leiden, nach der zweimaligen Ablehnung des Asylantrages, an einer mysteriösen Krankheit: dem sogenannten Resignationssyndrom. Seit Jahren liegen die beiden im Koma. Der Bruder flüchtet sich mehr und mehr in eine Fantasiewelt. Sein Traum: ein Flug auf den Mars. Mit einer selbstgebastelten Rakete lenkt er sich vom Kummer zu Hause ab. Der Regisseurin gelingt ein berührender Film, der immer wieder ins Fantastische kippt, über den Zusammenhalt einer Familie und die Traumata, die Geflüchtete aushalten müssen.

Sich selbst nicht aufgeben

Auch eine Geschichte von Identität und Zugehörigkeit erzählt «Non Western» der Regisseurin Laura Plancarte. Der Film – er läuft im internationalen Wettbewerb – erzählt von der schwierigen Beziehung zwischen der weissen Amerikanerin Nanci und dem von den Cheyenne abstammenden Thaddeus. Die beiden wollen heiraten, merken jedoch bei den Hochzeitsvorbereitungen, wie sehr sie sich in vielen Dingen unterscheiden. Nanci, die als Dozentin an der Uni tätig ist, sieht sich zu Hause mit patriarchalen Erwartungen konfrontiert. Dass sie für ihren Mann die Wäsche machen soll und er sich nicht einmal vom Sofa erhebt, wenn Gäste kommen, lässt Nanci ihre innige Liebe überdenken. Thaddeus auf der anderen Seite will seine Kultur nicht wegen seiner «modernen Frau» verraten. Traditionen weiterzuführen ist ihm wichtig, schliesslich wurden seine Vorfahren jahrzehntelang von der amerikanischen Bevölkerung unterdrückt. Wer von den beiden ist bereit seine Identität und Prinzipien ein Stück weit für den anderen aufzugeben?

Fr., 17.4. bis 2.5.
www.visionsdureel.ch

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