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Der Schuldirektor begibt sich auf eine Reise durch ein versehrtes Land.© Outside the Box
Demnächst im Kino

Eine Generation verschluckt vom Vakuum

Im Dokumentarfilm «Retour à Višegrad» kommt es zur Zusammenkunft einer Klasse, die im Bosnienkrieg von einem Tag auf den anderen auseinandergerissen wurde.

Die Kinder auf dem Klassenfoto ihrer Klasse sagen ihr nichts. Mersihas Erinnerungen an Geschehnisse vor dem Bosnienkrieg und an Personen, die sie davor gekannt hat, wurden – ausgelöst durch das Trauma des Lagers – von einem dicken Nebel bedeckt. Die junge Frau ist auch noch 25 Jahre nach dem Ausbruch des Krieges in Therapie.

Im Städtchen Višegrad im Osten von Bosnien und Herzegowina, an der Grenze zu Serbien, brach im April 1992 der Krieg aus und eben diese Klasse wurde von einem Tag auf den anderen auseinandergerissen. Muslimische Kinder wurden von ihren serbischen Freunden getrennt, mit denen sie teils seit dem Kindergarten eine Freundschaft verband.

Kein Fünkchen Hass

Im Schweizer Dokumentarfilm «Retour à Višegrad» von Julie Biro und Antoine Jaccoud begeben sich der ehemalige Direktor der Grundschule und die Frau des verstorbenen Klassenlehrers auf eine Mission: Sie wollen die Schülerinnen und Schüler für ein Treffen wiedervereinen. Mit einem altersschwachen gelben Auto kurven sie durch Dörfer und Täler, treffen wortkarge, zerbrechliche, emotionale und herzliche Frauen und Männer, die alle gemeinsam haben, dass ihnen die Kindheit geraubt wurde. «Erst mussten wir unsere Haut retten, die Gefühle überkamen uns später», beschreibt Djordje die Zäsur des Krieges. «Unsere Generation wurde vom Vakuum verschluckt», sagt er, ein Gefühl, das immer noch nachhalle. In ihrer Klasse hätte es kein Fünkchen Hass oder Intoleranz zwischen bosnischen und serbischen Kindern gegeben. Eine andere ehemalige Schülerin, die vom Trauma gezeichnet ist, bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: Sie hätten so oder so nicht gewusst, welcher Nationalität sie angehören würden – «wir waren einfach Kinder».

Als es dann endlich zur Klassenzusammenkunft im ehemaligen Schulhaus kommt, ist der Film leider schon fast zu Ende. Schade, hat sich das Regieduo nicht mehr Zeit dafür genommen. Denn die Hoffnung auf Heilung der seelischen Verletzungen, die in den lachenden Gesichtern der Porträtierten sichtbar wird, ist unglaublich berührend.

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