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Diverse Orte, Bern

Das Unbehagen an jeder Norm

Ob bayerische Provinz oder spanische Grossstadt: «Anima – Die Kleider meines Vaters» und «Mi Vacío y Yo» erzählen von Menschen, die ihre Geschlechtsidentität suchen. Die beiden Filme laufen am Filmfestival Queersicht, das eine Woche lang queeres Filmschaffen zeigt.

Im tiefsten Bayern wuchs Uli Decker mit Mutter, Vater und Schwester auf. Als Mädchen stellte sie fest: «Alle, die spannende Sachen machen, haben Bärte.» Es wollte ihr nicht in den Kopf, wieso etwa nur Männer Pfarrer werden durften – und wieso es komisch sein sollte, sowohl seinen Mitschüler als auch die Deutschlehrerin süss zu finden. Uli Decker brach aus ihrer beengenden Heimat aus, vermeintlich unverstanden von den Eltern. Erst am Sterbebett ihres Vaters erfuhr sie, dass auch er sein wahres Selbst im Dorf nicht ausleben konnte. Er führte ein Doppelleben, von dem auch seine Frau lange nichts wusste: Regelmässig fuhr er nach München um dort in Frauenkleider rumzulaufen.

Die Regisseurin Uli Decker sucht über das Medium Film einen neuen Zugang zu ihrem Vater, der sie wohl doch in ihrem Gefühl des Andersseins verstanden haben musste – und ihr trotzdem nicht helfen konnte. Mit «Anima – Die Kleider meines Vaters» ist Decker ein berührend ehrlicher und dennoch leichter Dokumentarfilm gelungen. Sie fügte dazu Aufnahmen aus dem Familienalbum, Tagebucheinträge des Vaters, Erzählungen der Mutter und Schwester und ihre eigenen Gedanken zu einer Collage zusammen. So entsteht ein Gespräch zwischen Vater und Tochter, das höchst persönlich ist und intime Einblicke zulässt.

Dates auf dem Weg zum Selbst

Auch in «Mi Vacío y Yo» entsteht eine Nähe zur Protagonistin. Der Spielfilm erzählt von einem realen Leben: das der Hauptdarstellerin Raphaëlle Pérez. Im Film auch Raphi genannt, lebt sie seit ihrem Wegzug aus Frankreich in Spanien. Dort wird ihr zu Beginn der Geschichte eine Genderdysphorie diagnostiziert. Sie sei eine Frau, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren worden sei. Doch egal wie viele Ratschläge und wie viel Empathie Raphie von Psy­chologin, Freund*innen und Eltern bekommt, zu sich selbst findet sie nur im eigenen Tempo. Der Film des spanischen Regisseurs Adrián Silvestre begleitet sie auf ihrem Weg – unter anderem auch auf viele Dates. Einige misslingen, sind unangenehm anzuschauen wegen transphoben Reaktionen. Bei anderen öffnet sich das Herz ein wenig. «Mi Vacío y Yo» – meine Leere und ich – zeigt das Porträt einer Transfrau und ist so simpel wie auch mitreissend erzählt.

Am Queersicht werden Menschen auch jenseits der Leinwand dazu ermutigt, ihre Geschlechtsidentität selbst zu hinterfragen. Das Rahmenprogramm bietet etwa mit «Drag Storytime» Kindern die Möglichkeit, mit Musik, Bewegung und Geschichten sich selbst auszuleben. Etwas, was Uli Deckers Vater im Versteckten tun musste und was auch heute nicht selbstverständlich ist.

Queersicht: Diverse Orte, Bern. Do. 3., bis Mi., 9.11.
• «Drag Storytime»: Kulturpunkt im Progr. So., 6.11., 10.30 Uhr. Anmeldung: workshop@queersicht.ch
www.queersicht.ch

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