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Sie mag Tanzprojekte, die niederschwellig und für möglichst viele zugänglich sind: Choreografin Lucía Baumgartner.© Claude Hofer

Sie bringt den Tanz zum Volk

Lucía Baumgartner ist mit ihrer Tanzcompagnie inFlux seit 20 Jahren als frei­schaffende Choreografin tätig. Sie spricht über ihre Liebe zum Tanz und erklärt, warum sie sich gerade wie eine Malerin ohne Farben fühlt.  

Normalerweise hätte die Begegnung mit Lucía Baumgartner in ihrer Küche in Bern stattgefunden, oder vielleicht in ihrem Wohnzimmer. Stattdessen ist Baumgartner nun auf einem Laptop-Bildschirm präsent, hinter ihr ein Bücherregal. Für die freischaffende Künstlerin bedeuten die aktuellen Massnahmen des Bundesrates eine Zäsur auf fast allen Ebenen. In jedem normalen Jahr arbeitet Baumgartner mit insgesamt fast 2000 Schulkindern in verschiedenen Kantonen an Tanzprojekten – «Ich kann mir noch nicht recht vorstellen, dass ich dieses Jahr nicht mit 1500 Kindern Workshops machen werde.»

 

Der Tanz lebt vom Austausch

Das erste Halbjahr ist für Baumgartner jeweils die dichteste Zeit des Jahres, wo eine Veranstaltung auf die nächste folgt. Die künstlerische Leiterin der Berner Tanzcompagnie inFlux arbeitet stets gleichzeitig an mehreren Projekten, gibt selbst noch Tanzstunden, und ist regelmässig auch in zahlreichen Schulen in der Deutschschweiz als Tanzpädagogin engagiert. «Was nun im 2020 alles bereits abgesagt wurde, ist beispiellos.» Das Tanzfestival Steps, welches von Ende April bis Anfang Mai geplant gewesen wäre, findet nicht statt. Baumgartner wäre dort als Tanzpädagogin engagiert gewesen.

Choreografie mit Schulkindern

Auch für den Welttanztag am 29. April hatte Baumgartner Grosses geplant: An 25 verschiedenen Orten im Kanton Bern hätten im März insgesamt 107 Tanzworkshops mit Schulklassen stattfinden sollen. Gemeinsam mit ihren Co-Initiatorinnen, den Choreografinnen Maja Brönnimann, Agata Lawniczak, und Regula Mahler hätte Baumgartner mit Hunderten von Schulkindern eine Choreografie einstudiert, welche die Kinder dann am Tanzfest in Thun und Bern am 15.Mai öffentlich aufgeführt hätten. «Ich und meine Kolleginnen haben uns in den letzten Tagen gefragt, ob wir diese Choreografie den Kindern vielleicht auch virtuell zur Verfügung stellen können. Schlussendlich haben wir uns dagegen entschieden, denn Tanz lebt, mehr als andere Kunstformen, vom direkten physischen Austausch im gemeinsamen Erleben.»

Eine Dirigentin und ihr Orchester

Baumgartner hat sich ebenfalls überlegt, ob es möglich wäre, zusammen mit ihren Mitstreiterinnen die Choreografie zum Welttanztag an einem öffentlichen Ort, zum Beispiel auf der Berner Marziliwiese, aufzuführen, und diese filmen zu lassen. Aber selbstverständlich dürften es nicht mehr als fünf Personen aufs Mal sein, daher wurde die Idee nicht umgesetzt. Für Baumgartner ist klar, dass die aktuellen Massnahmen vom Bundesrat dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung dienen, und es wichtig ist, dass jede Person mit gutem Beispiel vorangeht. Sie selbst arbeitet seit dem 16. März komplett im Homeoffice. Eine andere Art von Alltag, ohne Zweifel: «Wie man es auch dreht und wendet, meine eigentliche Arbeit ist fast unmöglich im Moment. Ich bin sozusagen eine Dirigentin, die ihr Orchester nicht mehr sehen darf. Oder eine Malerin ohne Farben.» Dieser Vergleich taucht bei Baumgartner im Verlauf des Gesprächs immer wieder auf. Tänzerinnen und Tänzer, so die Choreografin, seien für sie «Farben» mit denen sie zusammen ein Bild kreiert.
Die Choreografin, die in der Schweiz, in Spanien und Liberia aufgewachsen ist, kam vergleichsweise spät zum Tanz. Ab ihrem neunten Lebensjahr lebte Baumgartner im Berner Oberland, am Lehrerseminar in Spiez liess sie sich Anfang der 90er-Jahre zur Lehrerin ausbilden. «Als Teenager lernte ich Jazztanz, später, im Lehrerseminar entdeckte ich Modern Dance.» Die Begeisterung für Bewegung hielt an: Baumgartner machte sich auf nach London, um dort den Master in Choreografie zu absolvieren. «Für meine Eltern war dies nicht einfach», erinnert sie sich. «Ihre eigenen Eltern hatten nach dem Krieg einst grosse Opfer gebracht, damit aus den Kindern etwas werden kann, und so ein Leben als Künstlerin war – aus Sicht meiner Eltern und Grosseltern – definitiv nicht Teil des Plans.» Nach ihrer Rückkehr aus London wagte Baumgartner den Schritt dennoch und begann, als freischaffende Choreografin zu arbeiten. Mit ihrer Tanzcompagnie inFlux, welche sie 1999 gründete, war sie seither überall auf der Welt unterwegs und Gast an zahlreichen internationalen Festivals. Im April und Mai dieses Jahres hätte sie ihr aktuelles Stück
«Umwerfend Standhaft» mit 20 Tänzerinnen in Langenthal und Thun gezeigt.

Niederschwellig und demokratisch

Seit nunmehr 20 Jahren ist Baumgartner also die Malerin, die sich ständig neue Farben – möglichst unterschiedliche Tänzerinnen und Tänzer – für ihre Ideen sucht. Ihre Eltern, fügt sie an, seien mittlerweile sehr stolz auf ihren Werdegang. Die Choreografin mag am liebsten Produktionen, die möglichst «niederschwellig und für viele Menschen zugänglich» sind, wie sie selbst sagt. «Ich arbeite gerne mit Laien, mit verschiedenen Generationen, oder auch mit Menschen mit Behinderungen.» Doch nicht nur in dieser Hinsicht ist Baumgartners Ansatz eher unkonventionell: «Ich möchte, dass das Publikum keinen zu grossen Aufwand betreiben muss, um meine Tanzprodukti­onen zu verstehen. Deswegen arbeite ich nicht sehr konzeptuell, mir ist es wichtig, dass sich das meiste einfach beim Zuschauen erschliesst.»

Das tanzende Klassenzimmer

Nicht zuletzt nutzt sie gerne öffentliche Räume. «Das Schöne dabei ist, dass die Leute da so oder so vorbeikommen, egal was man macht. Ich habe mittlerweile schon von Leuten gehört, dass sie dank einer Produktion von mir zum ersten Mal überhaupt ein Tanzstück gesehen hätten, aber halt eben auf dem Europaplatz in Bern und nicht im Theater. Das freut mich dann sehr.» Baumgartners Arbeit an Schulen ist gleichsam direkt. Ihr Projekt «Das tanzende Klassenzimmer» bringt Schülerinnen und Schüler an dem Ort in Bewegung, wo sie sonst den ganzen Tag lang stillsitzen müssen. «Ich gehe dabei sehr praktisch vor und beziehe ihre Umgebung und ihren Lern­alltag mit ein. Wir tanzen dann beispielsweise die Präpositionen durch – davor, dahinter, neben, über – und nutzen das Pult oder den Stuhl als Hindernis oder Requisit.»

So, als ob es das letzte Mal wäre

Neben all ihren anderen Projekten und ihrer Arbeit an Schulen, ist Baumgartner auch als Tanzlehrerin tätig. «In meinen Stunden sage ich den Teilnehmenden oft: Tanzt so, als ob es das letzte Mal wäre. Und ich weiss noch, in der letzten Stunde, welche ich Anfang März unterrichtete, habe ich das wieder gesagt, und es wurde mir schwer ums Herz. Auf einmal stand da diese ganz konkrete Möglichkeit im Raum, dass ich diesen Job in einigen Monaten so nicht mehr machen kann.» Was ihr Plan B wäre, weiss Baumgartner im Moment noch nicht. «Ich glaube, es ist noch zu früh, um alternative Lebenspfade auszumachen. Ich möchte mir noch etwas Zeit nehmen, um zu verdauen, was im Moment alles nicht möglich ist.» Im Mai hätte Baumgartner als Co-Leiterin auch das Tanzfest Thun durchgeführt. Dieses wird nun 2021 wieder stattfinden, die Veranstaltungspartner haben zum Glück auch bereits für dann wieder reserviert.

Wie viele andere Kulturschaffende auch, haben die Pandemie-Massnahmen des Bundes Baumgartner in eine wirtschaftlich äusserst prekäre Situation gebracht. «Normalerweise würde ich im Frühjahr genug verdienen, um die Sommermonate auszugleichen, wo dann jeweils kaum etwas läuft, weil sowohl Theater als auch Schulen Sommerpause haben.» Immerhin: Der aktuelle Einkommensverlust wird für Baumgartner jetzt voraussichtlich teilweise durch das wirtschaftliche Hilfspaket des Bundesrates aufgefangen.

Temperament und Nüchternheit

Von der momentanen gesellschaftlichen Verlangsamung habe sie sich noch nicht so anstecken lassen, meint Baumgartner. «Ich habe zurzeit noch viel zu tun mit Absagen und Organisieren, und muss alle Involvierten in meinen diversen Projekten informieren. Es ist seltsamerweise eine sehr geschäftige Zeit.» Um etwas mentale Ruhe zu tanken, geht sie nun jeden Morgen zuerst joggen. «Das würde ich sonst nicht machen, aber jetzt gerade hilft es.» Oberhalb ihrer Wohnung verfügt Baumgartner zudem über eine Mansarde, in der sie sich ein kleines Tanzstudio für ihr persönliches Training eingerichtet hat. «Der physische und tänzerische Austausch fehlt mir sehr im Moment», so Baumgartner. Was ihr jetzt zugute kommt, sagt sie, sei ihre Herkunft: «Ich bin eine Art Mischling, ich habe spanisches Temperament, gepaart mit schweizerischer Nüchternheit und Organisiertheit mitbekommen. Diese Kombination hilft mir sehr, aber zurzeit sehe ich die Lage vielleicht zu dramatisch, während ich pragmatisch meine Pendenzen abarbeite.»

www.influxdance.com

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