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Der Mann als Witzfigur: Odysseus alias O. (Stéphane Maeder) findet Kinderwagen «ein bisschen spartanisch».© Christian Kleiner
Vidmar 1, Liebefeld

Nur noch ein Mann

In Elmar Goerdens Stück «Die Irrfahrten des Odysseus» in den Vidmarhallen quält sich ein entmystifizierter Odysseus der Moderne durch einen surrealen Albtraum.

Veranstaltungsdaten

DO 22.03.2018 19.30

In «La città delle donne», einem Film von Federico Fellini, gerät ein Frauenheld an einen Ort, an dem nur Frauen leben. Das Paradies? Natürlich nicht. Denn die Frauen entpuppen sich bald als seine Richterinnen. Ähnlich geht es dem Odysseus alias O. (Stéphane Maeder) in Elmar Goerdens Drama «Die Irrfahrten des Odysseus». Es sind die Frauen und ihre Bedürfnisse, die den in der Moderne angekommenen O. quälen. Maeder verkörpert mit voller Hingabe einen Kerl, der kein Held mehr ist, sondern «nur» noch ein Mann.

Der Albtraum beginnt

«Die Irrfahrten des Odysseus» ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich der Aktualität der alten Sagen widmet. Sein Debüt am Konzert Theater Bern gab Goerden im Februar mit «Penelope». Nach diesem Frauenschicksal lässt der deutsche Regisseur und Autor nun einen Mann stranden. O. hat sich in einer modernistischen, weissen Bühnenarchitektur verirrt. Eine Klinik? Jedenfalls beginnt sein Albtraum mit einem «Check in». Drei Frauen, «Die nicht mehr ganz Junge» (Milva Stark), «Die ganz Junge» (Nora Quest) und «Die Ältere» (Chantal Le Moign) suchen ihn heim und dekonstruieren in skurrilen Episoden seine Heldentaten.

Es sind undurchsichtige Frauenfiguren, die sich mal verführerisch, mal mütterlich, mal heimtückisch zeigen. Le Moign tritt mit nur einem Schuh und einer Augenklappe auf. Mit Stark sitzt er plötzlich in einem Parkhaus fest. Er findet sein Auto nicht mehr und erntet Vorwürfe. Quest entpuppt sich als seine Tochter, die von ihm aus dem Stegreif eine angemessene Hochzeitsrede erwartet.

Kein Scheuermittel

Goerdens Stück ist als surrealer Albtraum konzipiert. Gekonnt spielt der Text immer wieder auf die antike Vorlage an. So findet O. einen zum Verkauf stehenden Kinderwagen «ein bisschen spartanisch» oder macht sich verzweifelt Luft: «Ajax ist kein verficktes Scheuermittel! Er war mein Freund. Nun ist er tot. Vergesst ihn nicht!» 

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Bühne

Die Irrfahrten des Odysseus

Uraufführung Nach Penelope, dem Stück, das Regisseur und Autor Elmar Goerden der Frage nach dem Schicksal der Frau gewidmet hatte, steht in seinem neuen Stück der Mann im Fokus: Odysseus, «der Vielgewanderte», über den Homer 24 Gesänge lang erzählt, Odysseus, der zehn Jahre lang kämpfte, zehn Jahre lang über die See irrte und dabei «vieler Menschen Städte und Sitte gelernt» hatte. Hat er sich wirklich, wie Homer sang, «zur Heimat und zur Gemahlin» gesehnt und «so viel unnennbare Leiden erduldet, um seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft»? Immerhin hat er – da variieren die mythologisch belegbaren Zahlen – einigen Frauen einige Kinder geschenkt und unter den vielen Jahren der Irrfahrt einige angenehme bei den ihm ergebenen Frauen Kalypso und Kirke verbracht. Elmar Goerdens Irrfahrten des Odysseus ist der zweite Teil der Trilogie über die Moderne des Mythos, darüber, wie viel echtes, für uns wirkliches Leben in den alten Sagen steckt. Er zeichnet ein heutiges und zeitloses Bild von diesem Mann, der in der Literaturgeschichte schon viel Spott und Hohn über sich, seinen Listenreichtum und seine Glaubwürdigkeit hat ergehen lassen müssen – Dante hat ihn in seiner Göttlichen Komödie mit seinem Schiff eiskalt am Läuterungsberg zerschellen lassen.  Pressestimmen «Souverän bewegt sich Stéphane Maeder durch die Szenen, sekundiert von drei ebenso wandlungsfähigen Frauen. Vorerst steckt das Stück voller Witz, Situationskomik und beissender Ironie. ( …) Am Ende steht ein völlig gebrochener Odysseus auf der Bühne. Es ist das Verdienst des Autors wie des Darstellers, dass man dem Antihelden gegenüber nicht Häme empfindet, sondern etwas anderes. Ist es die Ahnung der Fehlbarkeit aller Kreatur, der männlichen wie der weiblichen?» Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ, 05.11.2017   «Es war ein Abend, an dem hat alles gestimmt. ( … ) Konzert Theater Bern zeigt Die Irrfahrten des Odysseus in die Gegenwart versetzt. Autor und Regisseur ist Elmar Goerden. Das Stück ist der zweite Teil einer Trilogie über die Moderne des Mythos. Goerden will alten Sagen neues, heutiges Leben einhauchen. Das gelingt ihm vortrefflich. Und mit viel Humor. Der erste Teil – «Penelope» über die Rolle der Frau – feierte letzten Februar eine viel gelobte Premiere. Nun steht der Mann im Fokus, Odysseus, der zehn Jahre kämpfte und zehn Jahre über die Meere irrte, bis er zu seiner Frau Penelope zurückkehren konnte. Homer hat die Geschichte in 24 Gesängen erzählt – Goerden in 24 nur lose verbundenen Episoden. ( … ) Das maximal schlichte Bühnenbild kanalisiert alle Aufmerksamkeit aufs Schauspielquartett. Und das ist gut so. Was die drei Frauen und Stéphane Maeder hier liefern, ist grossartig. Schon nur das Tempo, in denen die Frauen ihre Kostüme und Rollen wechseln, ist beeindruckend. Geballte Frauenpower, die den verlorenen Mann richtiggehend an die Wand nagelt.» Marina Bolzli, Berner Zeitung, 06.11.2017    «Der deutsche Regisseur Elmar Goerden hat ihn ins Heute geholt: Goerden, der bereits in der letzten Spielzeit ein Stück über Odysseus’ Frau Penelope auf die Bühne des Berner Stadttheaters brachte, zeigt nun auch Die Irrfahrten des Odysseus als modernes Alltagsstück. (… ) Mal ist dieser O. der gereizte Ehemann,der seiner Frau die Einkaufstüten hinterherträgt, mal der gekränkte Liebhaber, der zu stark klammert, mal der überrumpelte Schuhmacher, der wegen seines Engagements für kranke Kinder für einen Helden gehalten wird. Stéphane Maeder gibt den übergangenen Mann im hellen Leinenanzug (Kostüme: Lydia Kirchleitner) schön sauertöpfisch bis rechthaberisch. An seiner Figur manifestiert sich denn auch, was den Abend überhaupt aktuell macht: Der moderne Odysseus wirkt wie ein Zuspätgekommener; einer, der sich noch nach jenen Zeiten sehnt, in denen durchtriebene Männer noch etwas galten und Frauen für ihn verfügbar waren. Wer da an die Harvey Weinsteins dieser Welt denkt, liegt nicht falsch, wobei das Clevere an Elmar Goerdens Inszenierung eben ist, wie subtil diese Referenz mitschwingt. ( … ) (Milva) Starks Furor ist dabei ebenso herausragend wie die Entlarvung der klischierten Heldenerzählung, die immer mit möglichst prekären Figuren beginnen muss, um glaubwürdig zu wirken.» Lena Rittmeyer, Der Bund, 06.11.2017  Vidmar 1, Liebefeld 22.03.2018, 19.30

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