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Markus Keller: «Mit dem Theater bin ich frisch geblieben.»© Severin Nowacki
Das Theater an der Effingerstrasse, Bern

«Mir ist es fast nicht recht, dass es uns so gut geht»

Markus Keller, Inhaber und künstlerischer Leiter des Theaters an der Effingerstrasse, berührt es, dass die Abonnenten dem Theater trotz Lockdown treu sind.
Markus Keller, zum ersten Mal produziert das Theater an der Effingerstrasse ein Stück, das sowohl als Film als auch auf der Bühne funktionieren muss. Es dreht sich um die Kolumnen «Business Class» des Schweizer Schriftstellers Martin Suter. Was war die grösste Herausforderung?
Das Stück ist eine Fortsetzungsgeschichte, deren einzelne Folgen man online als Film oder möglicherweise später mal im Theater anschauen kann. Sowohl für die Zuschauer als auch für uns, ist das eine neue Form. Für mich als Theatermacher ist die Herausforderung dabei weniger gross als für die Filmschaffenden. Ich bleibe ganz der Theaterregisseur, der entsprechende Anweisungen gibt. Für die Filmequipe ist die Aufgabe schwieriger: Sie produziert einen Film, bei dem man gleichzeitig spüren soll, dass es ein Theater ist. Das ist keine einfache Aufgabe.

Im Stück nehmen Sie Bezug auf die aktuelle Situation der Corona-Pandemie und verweben diese mit Episoden aus «Business Class». Die Topmanager im Stück können wegen des Lockdowns nicht nach Hause fliegen, stranden am Flughafen und stehen plötzlich mit leerer Agenda da. Was machen leere Agenden mit Menschen?
Dafür gibt es wohl keine allgemeingültige Antwort. Im Stück ist es so, dass die beiden Topmanager auf sich selber zurückgeworfen werden. In meinem Fall zum Beispiel war es aber gerade umgekehrt: Wir hatten während des Lockdowns mehr zu tun als in normalen Zeiten, es gab keine leere Agenda. Wir mussten unsere Abonnentinnen und Abonnenten pflegen, die Administration rund um die Kurzarbeit hat uns gefordert und dazwischen fanden die Theaterproben statt.

Hätten Sie demnach gerne etwas mehr Leere in Ihrer Agenda?
Es ist nicht so, dass mich die Mehrarbeit belastet hat. Unsere Arbeit hat allen im Team, trotz der besonderen Umstände, Spass gemacht. Ganz ehrlich: Mir ist es fast nicht recht, dass es uns trotz der schwierigen Zeit so gut geht. 92 Prozent unserer Abonnenten wollten beispielsweise das Geld für die verpassten Aufführungen nicht zurück. Das hat mich sehr berührt.

Sie übergeben die künstlerische Leitung des Theaters im Sommer an Ihren Nachfolger Alexander Kratzer. Sind Sie froh, dass es nun etwas ruhiger wird?
Das wird es nicht, mein Terminkalender bleibt weiterhin voll (lacht). Ich bleibe ja Inhaber des Theaters und behalte damit die Oberaufsicht. Zudem werde ich weiterhin bei zwei Stücken pro Jahr Regie führen. Ich möchte mich zudem künftig gerne vermehrt dem Freilichttheater widmen und das eine oder andere Stück für eine entsprechende Produktion schreiben. Bis anhin hatte ich einfach stets zu wenig Zeit dafür.

Rückblickend auf Ihre eigene Karriere: Was haben Sie durch «Business Class» neu über Karriereplanung gelernt, das Sie gar nicht wussten?
Ich kann nur anhand meines eigenen Beispiels sagen, was mir für eine Karriere wichtig erscheint: Möglichst kreativ und flexibel bleiben, auch wenn es schwierig wird. Wir sind in den vergangenen Jahren von einer Kultureinrichtung zu einem richtigen Kleinunternehmen geworden, mit steigendem Umsatz. Das fordert einen heraus. Früher hatten wir drei Eigenproduktionen und ein Gastspiel, jetzt machen wir alle Stücke selber. Unser Administrationsaufwand hat enorm zugenommen.

Das heisst, Ihre Arbeit ist anstrengender geworden?
Das Wort anstrengend würde ich nie verwenden. Die Arbeit hat mir immer Spass gemacht. Mit dem Theater bin ich frisch geblieben.

Sie waren einst Zeichner, dann Sozialarbeiter, und haben später nebst Theaterstücken auch Hörspiele und Serien produziert. Ist ein so vielfältiger Berufsweg heute noch möglich?
Ich denke schon. Heute ist es viel selbstverständlicher als damals, dass man seinen erlernten Beruf nicht sein ganzes Leben lang ausübt. Erstaunlich finde ich hingegen, wie viele Menschen heute Kunst machen wollen oder das Gefühl haben, Künstler zu sein. Da hat sich eindeutig etwas verändert.

Was braucht es, um als Künstlerin oder Künstler durchzustarten?
Hartnäckigkeit. Man muss an sich selbst und eine Idee glauben und bereit sein, alles dafür zu geben. Eine Garantie, Erfolg zu haben, ist das aber nicht.

«Business Class» Online:
www.dastheater-effingerstr.ch

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