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Marie Popall verrenkt und verrückt sich.© Philip Frowein
Kino der Reitschule, Bern. Schlachthaus Theater, Bern

Männerparts und Monsterpartie

«Oh Body!»: Die feministischen Theater- und Performancetage im Schlachthaus und in der Reitschule zeigen ein Tanzstück mit komplementären Körpern, ein komisches Kino mit Tiefgang und geben Einblick in ein noch unfertiges Stück über Monster.

Zu einer collageartigen Soundkulisse robben ein kurzer und ein längerer Körper aufeinander zu. Sie knapp
1,90 Meter gross, er misst 165 cm. Sie lehnen sich aneinander an, lachen über- und miteinander und fügen sich zu einem sich fortbewegenden Wesen aus zwei Leibern zusammen, die trotz ihrer Gegen­sätze perfekt ineinanderpassen.

 

Ein Gleichgewicht im Ungleichgewicht entsteht, wenn sie ihre Hände unter seine Achseln und er die seinen auf ihre Hüfte legt. 

Die Berner Künstlerin und Performerin Ernestyna Orlowska und der Osloer Zirkusartist Daniel Klingen Borg nutzen in ihrem neuen Stück «Should I Do the Man’s Part» ihre Körper als Spielwiese, zeigen diese stark, aber auch verletzlich, werden als Marionette und Marionettenspielerin zum Paar.

Die verspielte Energie zwischen den beiden, die spärlich eingesetzte Live-­Elektronik des Luzerner Komponisten Samuel Savenberg und szenografisch gut eingesetztes Licht schaffen einen intimen Rahmen.

«Die Idee zum Stück entstand aus unserer Freundschaft und der vorliegenden Körperkonstellation. Wir kennen uns seit dem Studium und haben Witze darüber gemacht, eines Tages dieses Tanzstück aufzuführen», so die in Polen geborene Orlowska. Weder sie noch ihr Spielpartner sind im Tanz ausgebildet, die Performance entwickelten die beiden gemeinsam. Bewegungen, welche die beiden Körper bedingen, verschiedene Blickwinkel auf sie und schliesslich die Körper als Material – «wir wollten herauszufinden, was in dieser Grössenkonstellation möglich ist», beschreibt sie den explorativen Arbeits­prozess.

«Lasst euch nicht runterdrücken!»

«Should I Do the Man’s Part» ist eines von vielen Stücken, das im Rahmen der dritten Ausgabe der feministischen Theater- und Performancetage «Oh Body!» zu sehen ist. Es dürfte die vorerst letzte sein, denn mit dem Weggang von Schlachthaus-Leiterin Maike Lex auf Ende Saison werden auch die von ihr entwickelten Formate vorerst nicht mehr weitergeführt.

Das Festival bietet neben Aufführungen auch Einblicke in Entstehungsprozesse von Theaterstücken, Workshops – etwa zum Thema druckfreie Beziehungskommunikation –, Diskussionsrunden sowie Filmvorstellungen, alles rund ums Thema «Do Not Blend!» («Lasst euch nicht runterdrücken!»).

Kleinkriminell und kalt

Vom Druck gesellschaftlicher Mechanismen handelt auch der aktuelle Film «Kajillionaire» aus der Feder von Miranda July, der, wie so vieles von July, im verschrobenen Indie-Gewand einiges an Tiefgang birgt. Urkomisch und herzzerreissend wird im Film die Geschichte der jungen Erwachsenen Old Dolio (Evan Rachel Wood) erzählt, die ­während ihres ganzen Lebens keinen Funken Zuneigung erfahren hat. Mit hängenden Schultern dreht sie sich, die mit ihren schrägen Eltern
einen klein­kriminell-kalten und per­spektivlosen Alltag führt, im tristen Kreis. Mithilfe ihrer neuen Freundin versucht Old Dolio schliesslich auszubrechen.

Befremdliche Frauenstimmen

Eine Art Kurzstück, das als Teaser verstanden werden kann, ist mit «Die Hundsköpfige» zu sehen. Die Theaterschaffende Marie Popall sucht den Ausbruch in der Befremdung, indem sie das Montröse in sich freisetzt: «Ich arbeite mit der Stimme, einem unsichtbaren Körperteil, das sehr identitätsstiftend ist», so Popall.

In der Schauspielausbildung stehe die Art, wie man die Stimme einsetzt, im Zentrum. Von den Erwartungen an die weibliche Stimme löst sich die gebürtige Berlinerin in ihrem Stück emanzipiert: «Ich reisse mich los von den vorgetretenen Pfaden und Konzepten, wie man als Frau zu klingen hat.» Gemeinsam mit der Autorin Saskia Winkelmann und der Musikerin Belia Winnewisser entwickelte Popall das Stück und begab sich dazu auch auf eine Nachtwanderung.

Wirksames Ventil

Die Körper von Frauen und weiblich-gelesenen Personen stünden bis heute unter Druck, heisst es in der Beschreibung des Schlachthauses. Die verspielten, lustigen und lustvollen Performances von «Oh Body!» dürften da ein wirksames Ventil sein.


Kino in der Reitschule, Bern

«Kajillionaire»: 14.10., 20 Uhr

www.kino.reitschule.ch

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