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Für die Berner Bühnenfassung von Christian Krachts «Die Toten» drehte das Ensemble (im Bild Irina Wrona) Szenen in Japan.© Konzert Theater Bern
Vidmar 1, Liebefeld / Kino Rex, Bern

Kolonialismus im Kino

Claudia Meyer inszeniert mit «Die Toten» von Christian Kracht ein Werk über den Kulturkampf der 30er-Jahre, der im Kino zwischen Stumm- und Tonfilm ausgetragen wird.

Film und Theater vermischen sich zunehmend. Bei der Adaption von Christian Krachts Roman «Die Toten» (2016) für die Theaterbühne bietet sich aber noch viel mehr Stoff zur Durchmischung der beiden Medien an. Kracht thematisiert Kino als Mittel des Kulturkampfs, den der japanische Kulturbeamte Amakasu Masahiko gegen die Traumfabrik Hollywood ausfechten will, in welcher der Stummfilm nicht mehr tonangebend ist. Mithilfe der deutschen Filmindustrie, die schon Fritz Lang an Hollywood verloren hat, soll das gelingen. NSDAP-Medienmogul Alfred Hugenberg, Vorgänger von Goebbels, schickt darum den Schweizer Regisseur Emil Nägeli nach Japan, mit irrsinnig viel Fördergeldern. Denn Kino sei «Krieg mit anderen Mitteln», darum müsse man «den Erdball überziehen mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid». Ob Komödie, Gruselfilm oder das avantgardistische und stumme Bildgewackel, das Nägeli am Ende abliefert, ist einerlei. Es geht um die Deutungshoheit über die Bilder – und bei Kracht ums Überleben.

Sprache in Slow Motion

Doch es wäre kein Kracht-Roman, wenn die Thematik nicht anderweitig aufgegriffen würde: Die filmische ­Ästhetik schlägt sich in der Sprache nieder. Diese ist artifiziell, zoomt wie eine Kamera auf Details oder manipuliert den Erzählfluss wie die Slow Motion. Der Aufbau orientiert sich an der Dramaturgie des traditionellen japanischen Nō-Theaters. Japanische Filmgeschichte durchdringt dabei den Text.

Diese Mischung ist eine Steilvorlage für Regisseurin Claudia Meyer, deren Inszenierungen oft textlastig, anspielungsreich und symbolgeladen sind. Am Konzert Theater Bern hat sie etwa den thematisch sperrigen Bärfuss-Text «Die Reise von Edith und Klaus ...» oder Jelineks wuchtige Anklage «Die Schutzbefohlenen» inszeniert. Für «Die Toten» hat sie die Szenen, die in Japan spielen, mit der Berner Besetzung an den Originalschauplätzen gefilmt.

Das Kino Rex bietet zudem eine «Filmreise durch den Roman». So spannt sich eine «zelluloidene Achse», wie sie Hugenberg vorschwebte, durch Bern.

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