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Wechselnde Rolle: Die Schauspieler Kilian Land, Jonathan Loosli und Jan Maak. © Florian Spring
Vidmar 1, Liebefeld

Fährmann zwischen Leben und Tod

Tom Kummers Roman «Von schlechten Eltern» wird bei Bühnen Bern als Theaterstück uraufgeführt: Ein autofiktioneler Roadtrip durch eine gespenstische Schweiz und eine innere Trauerlandschaft, inszeniert von Tilmann Köhler.

Veranstaltungsdaten

SA 19.02.2022 19.30
FR 25.02.2022 19.30
Ein zerschmetterter Körper liegt am Fusse der Mürrenfluh. Befreit und erleichtert wirkt die Gattin des in den Abgrund Gesprungenen auf den Fahrer Tom, als er sie und ihre zwei Töchter in Stechelberg abholt. Tom hat bereits nachmittags den Tod im Gesicht des Mannes erkannt, als er ihn durchs Lauterbrunnental führte. Aber eigentlich meidet er den Tag. Meist chauffiert er die VIPs und Botschafter aus Bern nachts durch die Gegend.

Mit schwarzem Mercedes durch die Nacht

Tom, Ich-Erzähler und Hauptfigur in «Von Schlechten Eltern» ist nach dem Krebstod seiner Frau Nina mit dem jüngeren seiner Söhne aus Los Angeles in die Schweiz zurückgekehrt, genauer ins Berner Ostring-
Quartier. Das Ankommen will ihm nicht recht gelingen. Bern beschreibt er mal als Geisterstadt, kalt und trostlos, mal als Legostadt, künstlich und unzugänglich. Auch die Schweiz betrachtet er kritisch, sein Blick streift eine dystopische Landschaft: Tom sieht verbrannte Landschaften, verkrümmte Bäume und geflüchtete Menschen, die am Strassenrand campieren, vorbeiziehen. Vorboten eines sich anbahnenden Bürgerkriegs.

Wenn er mit seinem schwarzen Mercedes auf leeren Strassen durch die Nacht gleitet, ergeben sich zwischen ihm und seinen illustren Gästen bizarre Dialoge von grosser Intimität. Während den Fahrten verschmelzen Aussen- und Innenwelt, gedanklich pendelt Tom zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit und begegnet dabei Nina. Manchmal denkt er an Suizid, wechselt er für einen kurzen Moment die Fahrbahn, um sich am Ende der Nacht neben seinen Sohn ins Bett zu legen und auf eine lebenswerte Zukunft zu hoffen.

Der autofiktionale Roman des Berner Schriftstellers Tom Kummer schaffte es auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises 2020 und dreht sich um einen Mann, der in einem Vakuum der Trauer gefangen scheint.

Eindringliche Atmosphäre

«Es sind zwei Themen, die das Buch für uns so interessant gemacht haben», erzählt Felicitas Zürcher, Chefdramaturgin an der Seite von Schauspieldirektor Roger Vontobel bei Bühnen Bern. «Einerseits dieser fremde und ambivalente Blick auf die Schweiz, anderseits der Umgang mit Verlust, Tod und Schmerz». Die Verschiebung der Wahrnehmung des eigenen Heimatlands nach einer längeren Abwesenheit hätten Vontobel und Zürcher interessiert, beide lebten wie die Hauptfigur lange Jahre ausserhalb der Schweiz.
Gemeinsam mit dem deutschen Regisseur Tilmann Köhler, der zuletzt Hans Falladas «Kleiner Mann, was nun?» am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert hat und unter anderem am Münchner Residenztheater und dem Staatsschauspiel Dresden wirkt, erarbeitete Zürcher aus dem Stoff eine Bühnenfassung.

«Das Buch zeichnet sich nicht in erster Linie durch lange Dialoge oder einen üppigen Handlungsbogen aus», erklärt sie. «Es war spannend, zu überlegen, wie der Text dramatisiert werden kann.» Und auch Köhler spricht von der eindringlichen Atmosphäre des Buches, die er auf die Bühne bringen wollte.

Nachdem Zürcher eine erste Arbeitsfassung schuf, begannen relativ zügig die Proben mit den Schauspielern, dem Bühnenbildner Karoly Risz und dem Musiker Jacob Suske. Während Risz für seine aufs Wesentliche reduzierten, charakteristischen Bühnenbilder bekannt ist, kennt man den studierten Jazzer Suske unter 
anderen als Bassist von Lunik, Julian Sartorius, Sophie Hunger oder als 
Produzent des Berner Künstlers Jürg Halter. «Nach und nach 
ent­wickelten wir mit dem ganzen Produktionsteam die verschiedenen 
Ver­satzstücke, die die Inszenierung letztendlich ausmachen», erzählt Regisseur Köhler.

Spiegelkabinett auf der Rückbank

Die drei Schauspieler Jan Maak, 
Kilian Land und Jonathan Loosli treten alle als Ich-Erzähler Tom auf, verkörpern aber auch seine Söhne und die Fahrgäste, die im Grunde genommen nichts anderes als Spiegel von Tom sind.

Der Fokus liegt dabei auf dem Text und der Körpersprache der Darsteller. Requisiten gibt es kaum, dafür jede Menge Nebel. Es ist die Vorstellungskraft des Publikums, die Tom auf den nächtlichen Fahrten durch seine innere Trauerlandschaft begleitet. Nicht immer sind es Autofahrten, die Schauspieler rudern auch mal, als sässen sie in einem Boot. Denn für Zürcher symbolisiert der Fahrer auch einen Fährmann im Zwischenreich, der die Seelen der Toten über den Fluss ins Totenreich begleitet. Die Figur der Nina wird nicht verkörpert, immer nur angedeutet, umso spürbarer ist für das Publikum, was Tom schier um den Verstand bringt: Die Leerstelle, die sie hinterlässt.

Events zu diesem Artikel

Bühne

Von schlechten Eltern

Nach dem Roman von Tom Kummer  Bühnen Bern - Vidmar 1, Liebefeld 19.02.2022, 19.30
Bühne

Von schlechten Eltern

Nach dem Roman von Tom Kummer  Bühnen Bern - Vidmar 1, Liebefeld 25.02.2022, 19.30

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