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Lea Nussbaum da, wo sie sich beruflich gerne aufhält: in der Set-Garderobe.© Naomi Salome

«Es gibt keine Alternativen»

Sie ist lieber hinter als auf der Bühne. Lieber hinter als vor der Kamera. Lea Nussbaum ist freie Kostümdesignerin – und will es auch nach der Krise bleiben.

Das blonde Haar ist zum hohen Pferdeschwanz gebunden. Und so lang, es reicht bis über die Brust. Meistens, wenn sie nachdenkt, zwirbelt sie damit und die grossen Augen schielen leicht seitlich nach oben. An den Ohren blitzen kleine, schlichte goldene Stecker. Lea Nussbaum sitzt in ihrem Zimmer und erzählt in die Skypekamera. Sie trägt einen grossen roten Pulli, «hauptsache gemütlich», sagt sie. Darunter graue Leopardenprint-Leggins und ein langes Shirt. Hosen mag sie nicht so gerne, irgendwie einengend. Ausser Jeans, die trägt sie zum Arbeiten. Doch arbeiten tut sie seit langem fast nicht mehr.Nussbaum ist freischaffende Kostümdesignerin und Garderobière bei Film und Fernsehen. Angefangen hatte alles beim Konzert Theater Bern, bei welchem sie nach dem Produkt­designstudium an der Zürcher Hochschule der Künste und einem Praktikum bei Bally eine einjährige Kostümbild­assistenz machte. Nach Aufträgen an Theatern in der Schweiz und Deutschland, folgte 2016 mit «Lasst die Alten sterben» das erste
Engagement beim Film.

Viel Zeit für sich. Sehr viel.

Im März, als der Lockdown kam, arbeitete sie gerade noch auf dem Set der SRF-Erfolgsserie «Wilder». Seit Mai dieses Jahres ist sie beim RAV. «Ich bin mir mit meinem Job durchaus gewohnt, mit einer gewissen Unsicherheit umzugehen», erzählt die Bernerin. Irgendwas käme immer. Ein Folgeprojekt. Manchmal etwas kleiner, dafür mit mehr Verantwortung, manchmal etwas grösser, wo sie dann eher Garderobière sei oder in einem grösseren Team arbeite. «Doch jetzt nimmt es ein Ausmass an, da fühl ich mich ehrlich nicht mehr so wohl.» Denn alles, was sich die 31-Jährige in den letzten Jahren aufgebaut hatte, löste sich innerhalb kürzester Zeit in Luft auf. «So weiss ich gar nicht so genau, was ich momentan Spannendes erzählen könnte», sagt sie. Stille. Schaut in die Kamera. Blinzelt. Sie habe viel Zeit für sich. Sehr viel. Viel zu viel.

Achterbahnfahrt

Auf langen Spaziergängen denkt sie viel nach. Darüber, dass sie froh sei, überhaupt eine Unterstützung zu bekommen. Darüber, wie die Demut vor dem Gang zum RAV irgendwann verschwand. Und darüber, dass die Gesellschaft die Krise irgendwann doch als Chance sehen müsse, «Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen», sagt sie. Natürlich sei sie sich in dieser vielen freien Zeit auch am Bewerben, wie es das RAV verlange. Doch was heisst das, als freie Kostümbildnerin? Netzwerk abklappern. Etwas, was der schüchternen Nussbaum manchmal etwas schwerfällt. Doch es gehört dazu. «Bei uns werden kaum Stellen ausgeschrieben. Das geht fast alles über vorangehendes Zusammenarbeiten, über Kontakte», sagt sie. Das Netzwerk also, das sie sich in den letzten vier Jahren mühsam erarbeitet hatte und so weit kam, dass sie die letzten drei davon leben konnte. Und jetzt fahre ihre Gefühlswelt Achterbahn. Angst, dass sie komplett aus dem Raster falle, habe sie nicht, denn «es machen ja alle Zwangspause». Aber dennoch, an schlechten Tagen, da denkt sie über Alternativen nach. Jobwechsel. Aber was denn?

Die Mutter Requisiteurin, viel nähend zu Hause, das KTB war Nussbaums zweites Zuhause. Doch auf die Bühne wollte sie nie. Lieber in Stille arbeiten. Mit zwölf träumte sie davon, Modedesignerin zu werden. Mode als Kommunikation. Mode als Erzählstrang. Das ist das, was sie so fasziniere an dem Beruf, in den sie dann irgendwann reingerutscht war. «Auch wenn das niemandem sofort auffällt, das Kostüm unterstützt den Charakter einer Figur. Oder gibt ihm einen Kontrapunkt.» Nun ist die Unsicherheit etwas verschwunden. «Also, eigentlich gibt es gar keine Alternativen für mich», sagt sie bestimmt. «Das ist das, was ich machen will.»

 

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