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Schauspielerin Dascha von Waberer verkörpert Nastassja Martin und die Bärin.© Severin Novacki
Das Theater an der Effingerstrasse, Bern

Eine zerrissene Frau

Am Theater an der Effingerstrasse kommt es unter der Regie von Annina Dullin zur deutschsprachigen Erst­auf­führung von «An das Wilde glauben». Eine Geschichte über eine blutige Kollision und ihre Folgen.

«Es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist.» Dieser Satz steht auf der ersten Seite des autobiografischen Essays «An das Wilde glauben», der 2021 auf deutsch erschien. Damit fasst die französische Anthropologin Nastassja Martin ihren ersten prägnanten Gedanken zusammen, nachdem sie auf Kamtschatka, einer Halbinsel am östlichsten Rand von Russland, von einer Bärin angegriffen wird. Es gelingt ihr, das Tier mithilfe eines Eispickels in die Flucht zu schlagen, blutverklebte Haarbüschel am Boden erinnern an den Kampf. Martin ist schwer verletzt, ein Teil ihres
Kiefers hat das Tier weggebissen.

Verbunden mit dem Bären

Acht Stunden lang wartet sie auf Hilfe, befühlt ihr zerfleischtes Gesicht, dämmert weg und gerät in traumähnliche Zustände. Später wird sie über diesen Moment in ihren Notizen Folgendes vermerken: «Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.» Monatelang beobachtete die Wissenschaftlerin im Rahmen einer Forschungsreise die Bräuche der Ewenen, einer sibirischen Nomadengemeinschaft. So dokumentierte sie auch deren animistischen Glauben, dass die Dinge der Natur beseelt oder Wohnsitz von Geistern sind. Um ihre eigene schicksalhafte Bergtour – die sie nie als Unfall oder Unglück bezeichnen wird – zu deuten, nimmt die Anthropologin jenes Denken an, das sie bisher untersucht hat. Und macht sich damit zum Subjekt ihrer eigenen Forschung.

Diese Herangehensweise ermögliche es Martin, eine wissenschaftlich-poetische Sprache hervorzubringen, findet Regisseurin Annina Dullin. Sie hat gemeinsam mit der Dramaturgin und Effinger-Theater-Leiterin Christiane Wagner und der Schauspielerin Dascha von Waberer die erste deutschsprachige Bühnenadaption des Buches geschaffen. Die vielschichtige Abhandlung Martins, welche die Erfahrungsebene, skizzenhafte Notizen, das Festhalten von Träumen und anthropologische Betrachtungen vermengt, komme ohne viel Pathos aus und sei sich seiner wissenschaftlich problematischen Methodik bewusst.

Frei von Selbstmitleid

Pragmatisch verkürzt und ohne Selbstmitleid beschreibe Martin ih-ren eigenen Genesungsprozess und schaffe es, diesen in einem breiteren Zusammenhang zu reflektieren, so Dullin. Etwa, wenn in Pariser Krankenhäusern bereits geheilte Wunden wieder aufgerissen werden oder eine Kieferplatte aus dem Osten durch eine aus dem Westen ersetzt wird und sich ihr Körper «zum Schauplatz eines medizinischen Kalten Krieges zwischen Frankreich und Russland» entwickelt.

Dabei begleitet die Versehrte während den unzähligen Behandlungen eine intensive Suche nach der eigenen Identität. Sie entscheidet sich letztendlich, zurückzukehren an den Ort des Geschehens: «Ich kann mit Metamorphosen umgehen, mit der Explosion, dem Kairos, dem Ereignis. Mit Frieden oder Stabilität wusste ich dagegen noch nie umzugehen; die Ruhe ist nicht meine Stärke.» Diese innere Zerrissenheit, das Hin- und Her­pendeln zwischen westlicher Zivili­sation und russischen Wäldern, Gemeinschaft und Einsamkeit, Frau und Bärin, Schicksal und Kontrolle sowie Wissenschaft und Übersinnlichem will Dullin in ihrer Inszenierung ins Zentrum rücken.

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