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Eine performative Collage: «Black Body Amnesia» von Jaamil Olawale Kosoko. © C Nyla
Dampfzentrale, Bern

Auferstehung und Widerstand

«Tanz in Bern» setzt auf Ballett, aber auch auf Rollschuhdisco: «shifting» ist das Motto des gut zweiwöchigen Festivals, bei dem Starres in Bewegung geraten soll.

 

Es klingt ein bisschen so, wie wenn alle Röhren, Leitungen und Fräsapparate einer stillgelegten Fabrik nachts heimlich ein Oratorium anstimmten, um einem dunklen Maschinengott zu huldigen. Der sakral-industrielle Sound der britischen Avantgarde-Band Coil setzt die Stimmung für die Performance «Loyalty», mit der das gut zweiwöchige Festival «Tanz in Bern» eröffnet. Die Tänzer*innen bewegen sich auf einer fast leeren Bühne zwischen Ehrfurcht und Neugier, schreiten von Tradition zu Ausbruch und zurück. «shifting» ist so auch das Stichwort der diesjährigen «Tanz in Bern»-Ausgabe.

Kontrolle, Disziplin, Wendigkeit

Der in Australien geborene Choreograf Adam Linder sucht weniger den harten Bruch als das spielerische Weiterführen des scheinbar Überkom­menen. Mit Ballett arbeiten zeitge­­-nös­sische Choreografen ausserhalb historischer Aufführungen kaum mehr. Oder, wie er selber sagt, der klassische Bühnentanz sei schon lange ein «dying game». Er verleiht dem sterbenden Tanz im Spiel damit neues Leben. Linder, der selber eine Ausbildung als Baletttänzer mitbringt, experimentiert in seinen choreografischen Arbeiten mit der Virtuosität dieser Körpersprache. So auch in «Loyalty».

Die atemberaubende Kontrolle, die Disziplin und die Anmut, sie ziehen sich durch die höchst präzisen Positionen und Bewegungen der fünf Tänzer*innen, die kontinuierlich neu gewendet und abgewandelt werden. Ebenso das Narrativ, das zwar da ist, aber weder auserzählt ist noch einer linearen Abfolge gehorcht. Der erste Akt des gut 60-minütigen Stücks präsentiert eine Parade der Möglichkeiten und Bewegungsspektren des klassischen Balletts, solo, im Duett und in der Gruppe. Die kraftvoll-gefasste Sprache bleibt auch dann erhalten, wenn die Tänzer*innen die Vertikale verlassen, um sich über den Boden zu hieven, zu stemmen und zu winden.

Im zweiten Akt mutiert «Loyalty» zu einer Art Genesiserzählung. Dabei tritt der Tänzer Douglas Letheren nackt auf die Bühne. Als Ur- oder Vormensch quasi, der in der Erde scharrt, und damit das humanistisch-zivilisierende Menschenideal des Balletts konterkariert. Ihm gehe es dabei aber keineswegs darum, den längst problematisierten politisch-historischen Hintergrund des Bühn­entanzes nochmals in den Boden zu treten, meint Linder. «Davon sahen wir in 1990er- und 2000er-Jahren genug». Ihn interessiere vielmehr das Spiel mit Auferstehung. «Ich will nicht dekonstruieren, sondern wiederbeleben.» Er bleibe in einem gewissen Sinne der Tanzsprache treu, doch eigne er sie sich choreografisch und tänzerisch neu an.

Die eigene Linse

Eindringlich, intim, und so poetisch wie politisch ist «Black Body Amnesia» von Performer*in Jaamil Olawale Kosoko. In Detroit basiert, mit US-nigerianischen Wurzeln, fügt Jaamil Körperperformance, Spoken Word, Vokalisierungen und Bilder zu einer 75-minütigen Collage. Grundlage der palimpsestartigen Arbeit ist Jaamils biographisches Textarchiv «Black Body Amnesia», eine Autonarration oder, vielleicht besser, Automedialisation, die den Aussenblick überschreibt und überblendet. «Ich erzähle die Geschichte aus meiner Linse, entferne und befreie mich damit vom gesellschaftlichen Zugriff auf mein selbst. Die Bühne bietet mir Zuflucht.» Als schwarze Person erfahre sie*er unablässig Diskrimierung und Gewalt, erklärt Jaamil, und dies nicht nur in den USA. Um ein Beispiel zu nennen, erwähnt sie*er eine Zugfahrt, die sie*er unlängst hier in der Schweiz unternahm, um zu der Künstler*innenresidenz zu gelangen. Amtspersonen griffen Jaamil auf und führten ihn*sie auf eine Polizeistation. Ohne Begründung.

Die Vorfahren sind dabei

Jaamil sieht die eigene Arbeit als Heilungs- und Mitteilungsprozess: «Ich habe meine Verletzungen lieben gelernt. Aus ihnen schöpft meine Kunst.» Das Publikum in Bern dürfte ein vornehmlich weisses sein, das diese Erfahrungen nicht teilt. Jaamil will mit ihm in einen «kulturellen Austausch» treten. Wechselnde Musiker*innen begleiten die Performance, alleine fühlt Jaamil sich ohnehin nicht, denn: «Wenn ich auf der Bühne bin, nehme ich meine Vorfahren immer mit. Ich bin mehr als ich selber.» Zehn Tage lang kontexualisiert und flankiert «Tanz in Bern» die Performances auf der Bühne mit Ge­sprächen, Workshops, Lesungen und Bewegungsangeboten für alle. Buchstäblich «shifting» dürfte sich die Rollschuhdisco gestalten.

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