mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Birder (Saladin Dellers) fordert mehr Ehrlichkeit in der realen und virtuellen Welt.© Onlinetheater.live

Als Krümel durchs Wahrheitsnetz

Mit «Hyphe – Don’t judge» kreiert die Internettheater­gruppe Onlinetheater.live einen Hybrid aus Game, Theater und Chatroom, der die Kommunikation durchleuchtet und die digitale Welt ehrlicher werden lässt.

Ein grauer Hintergrund, wummernde Soundeffekte, dazu Aufforderungen, die für kurze Zeit auf dem Bildschirm erscheinen: «Suche dir einen ruhigen Ort und mach es dir bequem. Aber so, dass du noch schreiben kannst. Ich will deine volle Aufmerksamkeit.» Dass dazu ein Countdown läuft, der die verbleibende Zeit bis zum Spielbeginn zeigt, lässt die Testspielerin unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschen.

Von banal bis persönlich

«Du bist sehr klein. Ein Krümel.» Man findet sich also als winziger, unförmiger Punkt auf dem Bildschirm wieder und lässt sich durch die end­lose digitale Weite treiben. Mithilfe von Schimmelpilzsporen werden unterwegs Verbindungen zu anderen Krümeln gesponnen, mit denen man durch das simultane Beantworten von Fragen kommuniziert. «Seid ihr gute Verlierer?», «Wann hattet ihr zum letzten Mal Gewissensbisse?» oder «Was war eure höchste Spende?» – Anfangs banal, werden die Fragen im Laufe des Spiels immer persönlicher. Dass zusätzlich gegen Ende noch ein gewisser Zeitdruck zum Beantworten hinzukommt, löst eine gewisse Angespanntheit aus. «Was ist die nächste Frage? Werde ich schnell genug antworten können, damit unsere Verbindung bestehen bleibt? Was machen diese Fragen mit mir und meinem Gegenüber? Waren wir ehrlich?»

Keine Likes

Das Online-Multiplayer-Live-Game «Hyphe – Don’t judge» des Internet­theaters Onlinetheater.live, konzipiert von Saladin Dellers, Sean Keller, Johanna Kolberg und Fabiola Kuonen, schickt die Teilnehmenden auf eine Reise, auf der sie andere Spielerinnen und Spieler, vor allem aber auch sich selbst erforschen. Als narrative Ebene taucht immer wieder eine Gestalt namens Birder (Saladin Dellers), der Macher des Spiels, auf. Er ist davon überzeugt, dass die Welt mehr Ehrlichkeit braucht. Dass er dieses Game konzipiert hat, sei für ihn einen Ausbruch aus der gestellten Normalität in der realen Welt, aber auch im Internet, wo alles mit Likes oder Dis­likes bewertet wird. Das Spiel wird also zur Plattform, auf der man mit seinen eigenen Erfahrungen konfrontiert wird, gleichzeitig durch den Austausch mit anderen merkt, dass man mit seinen Zweifeln und dem Hang, zur Notlüge zu greifen, nicht alleine ist.

Gemeinschaftserlebnis

Bereits vor einem Jahr hätten sie mit der Arbeit an dem Stück begonnen, sagt Fabiola Kuonen. «Uns war lange nicht bewusst, dass wir hier ein absolut virenfreies Stück erschaffen», so die Dramaturgin. Das Thema der Nähe durch den Austausch von Daten passt zum momentanen Alltag wie das Büchergestell in den Hintergrund des Videochats.

«Wir wollen hier ein anderes Erlebnis schaffen als eine Zoom-Konferenz, die probiert, ein Theaterstück zu sein. Ich persönlich fühle mich nämlich davon oft nicht wirklich angesprochen, weil ich meine Anwesenheit nicht als notwendig empfinde.» Im interaktiven Stück «Hyphe», der sechsten Produktion der Gruppe Onlinetheater.live, gelingt dies: Die Tatsache, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer in Echtzeit und live nebeneinander im selben, virtuellen Raum befinden und die Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren, vermittelt tatsächlich ein Gemeinschaftsgefühl, das an das Erlebnis eines realen Thea­terbesuchs herankommt – der auch nicht einfach stummgeschaltet werden kann.

Login und Tickets: www.hyphe.live

Events zu diesem Artikel

Keine Veranstaltungen

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden