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«Ich freue mich über digitale Lebenszeichen von Kolleginnen und Kollegen.»© Rob Lewis Photography

«All die Arbeit! All das Herzblut!»

Nina Mariel Kohler ist Schauspielerin, künstlerische Leiterin der Gruppe Peng! Palast und im Vorstand von t., dem Schweizer Berufsverband für Theaterschaffende. Die Kultur­agenda hat sich nach dem Puls der Freien Szene erkundigt.

Nina Mariel Kohler, wie geht es Ihnen in Zeiten von Corona?
Für mich war der Lockdown einschneidend. Im Theater Winkelwiese in Zürich hatten eben erst die Proben zu einem neuen Stück begonnen; eine Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Kosovo. Sie sitzen jetzt in der Schweiz fest. Wir hatten aber vergleichsweise Glück: Uns wird dank der vom Theater beantragten Kurz­arbeit ein Teil der Gage bezahlt.

Sie sind im Vorstand von «t. – Theaterschaffende Schweiz». Was beobachten Sie derzeit?
Besonders im Fokus sind Fragen rund um die Verschiebungen von Produktionen. Bei jeder neuen Absage denke ich mir: All die Arbeit! All das Herzblut! Gerade in diesen Zeiten fällt auf, wie sehr die Leute Kunst brauchen. Was würden wir nur machen ohne unsere Bücher, Serien und Musik?

Es gibt neu die Möglichkeit, Theater­­stücke zu streamen. Die Plattform Spectyou ist ein Beispiel. Was halten Sie von solchen Entwicklungen?
Ein interessantes Angebot, von dem ich aber noch nicht profitiert habe. Für mich hat das Theater mit physischer Co-Anwesenheit zu tun, Menschen, die im gleichen Raum zusammenkommen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es in Zukunft mehr Produktionen geben wird, die konzeptuell auf das Streaming angepasst sind. In der Regel sind die Aufführungen nicht für das Medium Bildschirm gemacht. Ein frontal abgefilmtes Theater aus dem Jahr 1998? Na ja, dann streame ich lieber eine Serie.

Das Kollektiv Peng! Palast, bei dem Sie künstlerische Leiterin sind, ist bekannt für experimentierfreudiges Theater.
Das schon. Trotzdem sind unsere Stücke von der Form her eher klassisch: viel Text, das Publikum auf der einen, die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der anderen Seite. Was mich am Digitalen interessiert, ist das Immersive, wie wir es aus dem Gamedesign kennen.

Lassen Sie uns auf die Lage der Freien Szene zurückkommen. Erleben Sie prekäre Fälle?
Oh ja, die gibt es zuhauf! Leute, die auf ihre Engagements angewiesen sind, die von der Hand in den Mund leben, vielleicht auch eine Familie versorgen müssen. Unsere Berufe, wie wir sie ausüben, passen nicht in das System, in dem wir leben. Wenn beim RAV gefragt wird, wie viel der Monatslohn beträgt oder was unser Arbeitspensum in Prozent sei, haben wir darauf kaum eine plausible Antwort, höchstens eine Schätzung. Ich hoffe, dass eine Sensibilisierung stattfindet, gesellschaftlich, politisch und unter den Theaterschaffenden selbst. Vorsorge zum Beispiel: die ist wichtig!

Wie ist die Stimmung in der Freien Berner Szene?
Wir fehlen einander und ich freue mich über die digitalen Lebenszeichen, die meine Kolleginnen und Kollegen veröffentlichen: So etwa der Podcast von Milva Stark und Diego Valsecchi. Oder Videos, in denen ein künstlerischer Umgang mit Distanz stattfindet. Der Filmemacher und Choreograf Sascha Engel hat ein Tanzvideo geschnitten aus Filmmaterial, das ihm aus allen Ecken der Welt gesendet wurde. Solche Aktionen zeigen: Wir sind da, wir sind eine Gemeinschaft.

www.tpunkt.ch
www.pengpalast.ch

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